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Faktenblatt TS 10

Das schwedische Gesundheitswesen

Alle Einwohner Schwedens haben gleichen Zugang zu den Gesundheitsleistungen. Das schwedische Gesundheitswesen wird mit Steuergeldern finanziert und ist stark dezentralisiert. Verglichen mit den Gesundheitssystemen anderer Länder auf ähnlichem Entwicklungsniveau schneidet das schwedische gut ab, und im Hinblick auf die Investitionen und trotz Kostenbegrenzungen werden gute medizinische Ergebnisse erzielt.

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Man and woman looking out over the Swedish countryside
Die Lebenserwartung der Einwohner Schwedens ist eine der höchsten Europas
Foto: Miriam Preis/Image Bank Sweden

Die Lebenserwartung der Einwohner Schwedens steigt weiter. Im Jahr 2008 lag sie bei 78,6 Jahren für Männer und 83,2 Jahren für Frauen. Dies hängt teilweise damit zusammen, dass das Mortalitätsrisiko bei Herzinfarkt und Schlaganfall sinkt. Gut fünf Prozent der schwedischen Bevölkerung sind 80 Jahre alt oder älter. Damit hat die Bevölkerung Schwedens neben der Italiens europaweit den höchsten Anteil älterer Menschen. Allerdings steigt in Schweden seit dem Ende der 1990er Jahre die Geburtenziffer kontinuierlich, weshalb der relative Anteil Älterer an der Gesamtbevölkerung kleiner werden wird. Chronische Erkrankungen, die eine dauerhafte oder gar lebenslange Überwachung und Behandlung erforderlich machen, stellen hohe Anforderungen an das Gesundheitswesen. Ein positiver Aspekt ist, dass in Schweden der Anteil der Raucher an der Bevölkerung relativ gering ist: Fast 85 Prozent der Schweden sind Nichtraucher.

Geteilte Verantwortung

Im schwedischen Gesundheitssystem teilen sich die nationale Regierung, die Provinziallandtage und die Gemeinden die Verantwortung für die Gesundheits- und Krankenpflege. Das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (Hälso- och sjukvårdslagen, HSL) regelt die Kompetenzen der Provinziallandtage und Gemeinden. Es ist darauf ausgelegt, den Provinziallandtagen und Gemeinden auf diesem Gebiet mehr Freiheiten zu gewähren. Die nationale Regierung hat die Aufgabe, Grundsätze und Richtlinien einzubringen sowie die politische Agenda für die Gesundheits- und Krankenpflege festzulegen. Dabei nutzt sie die geltenden Gesetze und Verordnungen oder trifft Vereinbarungen mit der Schwedischen Vereinigung von Kommunen und Regionen (SALAR), die die Provinziallandtage und Gemeinden repräsentiert.

Dezentralisierung des Gesundheitswesens

Die Verantwortung für die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung ist dezentralisiert und wurde den Provinziallandtagen und – in einigen Fällen – den Gemeinderegierungen übergeben. Die Provinziallandtage sind politische Organe, deren Abgeordnete alle vier Jahre am Tag der
Reichstagswahlen von der Bevölkerung in allgemeinen Wahlen bestellt werden. Die schwedische Politik bestimmt, dass jeder Provinziallandtag seinen Einwohnern eine Gesundheits- und Krankenpflege guter Qualität bieten sowie die Gesundheit und das Wohlbefinden der gesamten Bevölkerung fördern muss. Die Provinziallandtage sind auch für die zahnärztliche Versorgung der Kinder und jungen Leute bis zum Alter von 20 Jahren verantwortlich.

Geteilte medizinische Versorgung

Schweden ist in 290 Gemeinden, 18 Provinziallandtage und zwei Regionen – Västra Götaland und Skåne – unterteilt. (Die gleichnamige Gemeinde der Ostseeinsel Gotland verfügt im Hinblick auf die Gesundheitsversorgung über die gleichen Kompetenzen wie die Provinziallandtage.)

Zwischen den Gemeinden, Provinziallandtagen und Regionen besteht kein hierarchisches Verhältnis: Alle haben ihre selbstverwalteten örtlichen Behörden, die für verschiedene Aktivitäten verantwortlich sind. Die Provinziallandtage sind zu rund neunzig Prozent mit dem Gesundheitswesen beschäftigt, befassen sich aber unter anderem auch mit Kultur- und Infrastrukturfragen.

Die schwedischen Gemeinden sind verantwortlich für die Seniorenbetreuung im Rahmen von Haus- oder Heimpflege, für die Betreuung von Menschen mit physischer oder psychischer Behinderung sowie für die schulische Gesundheitspflege. Sie tragen auch die Verantwortung dafür, den aus dem Krankenhaus entlassenen Patienten Unterstützung und Leistungen zu bieten.

Internationale Arbeit 

Die zunehmende Mobilität der EU-Bürger machte eine intensivere internationale Zusammenarbeit in der Gesundheits- und Krankenpflege erforderlich. In den vergangenen Jahren stieg sowohl die Zahl der Patienten, die sich in anderen EU-Ländern behandeln lassen, als auch die Zahl der Angehörigen der Gesundheitsberufe, die in anderen EU-Ländern tätig sind. Schweden beteiligt sich aktiv an der EUweiten Kooperation, um den Zugang zu Dienstleistungen in der Gesundheits- und Krankenpflege zu verbessern. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit im fachärztlichen Bereich und das Zusammenwirken zur Verbesserung von Patientensicherheit und -selbstbestimmung.

Patientensicherheit

Fragen der Gesundheits- und Krankenpflege werden auch über die Grenzen der EU hinaus verstärkt thematisiert; dies gilt besonders für Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, den Europarat und den Nordischen Rat. Mit vielen der Herausforderungen, denen sich das schwedische Gesundheitswesen gegenübersieht, haben auch andere Länder zu kämpfen. Dazu gehören die Problematik des Zugangs zu Gesundheitsleistungen sowie die Aspekte Qualität, Effizienz und Finanzierung. Ein prioritär behandelter Bereich ist der  Patientensicherheit. Die Schwedische Vereinigung von Kommunen und Regionen setzt sich in Zusammenarbeit mit den Regionen und Provinziallandtagen auf nationaler Ebene dafür ein, die Patienten optimal vor Behandlungsfehlern und anderen unerwünschten Ereignissen zu schützen. Ein weiteres Ziel besteht darin, die Zahl der Krankenhausinfektionen bis 2010 zu
halbieren.

Behandlung innerhalb von 90 Tagen

Die Wartezeiten für geplante operative Therapien wie Grauer-Staroder Hüftgelenksersatzoperationen boten während langer Zeit Grund zur Unzufriedenheit. Als Folge davon führte Schweden die Behandlungsgarantie ein.

Im Jahr 2005 beschlossen die Provinziallandtage und die nationale Regierung, eine Behandlungsgarantie einzuführen. Sie besagt, dass kein Patient länger als drei Monate auf seine Behandlung warten muss, nachdem die erforderliche Therapie festgelegt wurde. Wenn die Frist nicht eingehalten werden kann, wird dem Patienten die Behandlung an einem anderen Ort angeboten, wobei die Kosten inklusive Reisekosten vom Provinziallandtag des Patienten übernommen werden müssen.

Seit Einführung der Behandlungsgarantie hat sich die Situation verbessert: Die Auswertung der zusammengestellten Wartezeiten am 31. Dezember 2008 ergab, dass 75 Prozent der Patienten innerhalb von 90 Tagen behandelt worden waren.

Für weitere Verbesserungen beschloss die schwedische Regierung im Einvernehmen mit der Schwedischen Vereinigung von Kommunen und Regionen, in den Jahren 2010, 2011 und 2012 je eine weitere Milliarde SEK (100 Millionen EUR) bereitzustellen.

Damit die Provinziallandtage in den Genuss ihres Anteils der bereitgestellten Gelder kommen, müssen sie sicherstellen, dass mindestens 80 Prozent ihrer Patienten innerhalb der festgelegten Zeit behandelt werden. Außerdem müssen sie Informationen über die Wartezeiten in eine neue nationale Datenbank einpflegen.

Finanzierung

Die Kosten für die Gesundheits- und Krankenpflege belaufen sich in Schweden auf ungefähr neun Prozent des Bruttosozialprodukts – ein Betrag, der seit Anfang der 1980er Jahre relativ stabil blieb.

Surgeons working on a patient
Nach der Einführung der Behandlungsgarantie wurden die Wartelisten kürzer
Foto: Magnus Neideman/SVD/Scanpix

Die Ausgaben für die Gesundheits- und Krankenpflege in Schweden entsprechen denjenigen der meisten anderen europäischen Länder; in den USA belaufen sich die Kosten des Gesundheitswesens auf fast das Doppelte. Der Hauptteil der Ausgaben für das Gesundheitswesen wird durch Provinziallandtags- und Gemeindesteuern finanziert. Staatliche Beihilfen sind eine andere Finanzierungsquelle; die Patientengebühren decken nur einen Bruchteil der Kosten. 

Primärversorgung am kostenintensivsten

2008 beliefen sich die Provinziallandtagsausgaben für die Gesundheits- und Krankenpflege
– zahnärztliche Versorgung ausgenommen – auf 186 Milliarden SEK. Im Verhältnis zum Jahr 2007 entspricht das einer Zunahme um 9,2 Milliarden SEK oder 5,2 Prozent. Weil mehr allgemeinärztliche und physiotherapeutische Leistungen geliefert werden mussten als in den Jahren zuvor, entfiel die größte Kostenzunahme auf die Primärversorgung.

Mehr private Erbringer medizinischer Dienstleistungen

Es wird immer üblicher, dass die Provinziallandtage medizinische Dienste von privaten Dienstleistern kaufen: 10 Prozent der von den Provinziallandtagen finanzierten medizinischen
Leistungen werden von privaten Dienstleistern erbracht. Eine Vereinbarung garantiert, dass die gleichen Bestimmungen und Gebühren wie bei öffentlichen Einrichtungen gelten.

Leistungsvergleich für Verbesserungen

Die Gemeindesteuern bilden die Basis für die Finanzierung der Gesundheits- und Krankenpflege. Die finanziellen Möglichkeiten sind also stark eingeschränkt. Wegen der Kostenrestriktionen müssen die vorhandenen Ressourcen möglichst effizient genutzt werden. Der Leistungsvergleich zwischen den Provinziallandtagen führte in dieser Hinsicht zu Verbesserungen. Aufgrund der starken Dezentralisierung sind allerdings häufig keine Daten auf nationaler Ebene vorhanden. Deshalb entwickeln das Zentralamt für Gesundheits- und Sozialwesen und die Schwedische Vereinigung von Kommunen und Regionen ein Modell, mit
dem die Ziele und Ergebnisse ausgewertet und verglichen werden können.

Dies geschieht unter anderem, um
• die Grundlagen für die öffentliche Debatte und für politische Entscheidungen zu verbessern,
• den Provinziallandtagen und Gemeinden die Lenkung und wirtschaftliche Gestaltung des Gesundheitswesens zu erleichtern,
• der Allgemeinheit und den Patienten besseren Zugang zu Informationen zu ermöglichen.

Im Rahmen landesweiter Untersuchungen wurden bereits statistische Daten zu Themen wie Qualität des Gesundheitswesens, Patientensicherheit, Wartezeiten, Patientenmeinungen und Kosten sowie zur gesundheitlichen Wirkung von Faktoren wie Lebensstil, Ernährung und Umwelt erhoben. Solche Informationen ermöglichen Vergleiche zwischen den Provinzen. Auf mehreren Gebieten können bereits Verbesserungen festgestellt werden. So ging zum Beispiel in fast allen Provinzen sowohl bei Männern als auch bei Frauen die Sterblichkeit im Zusammenhang mit einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt um über zwei Prozentpunkte zurück. Seit Projektbeginn stieg auch die Überlebensrate bei Brustkrebs.

Organisation des Gesundheitswesens

Heute wird der Großteil der medizinischen Versorgung in Gesundheitszentren geleistet. Dass in diesen Zentren Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen, Physiotherapeuten und andere Gesundheitsexperten arbeiten, vereinfacht die Behandlung und erleichtert die Zusammenarbeit. Die Patienten können ihren Arzt selbst wählen. Für Kinder und werdende Mütter gibt es spezielle Abteilungen, und Heranwachsende können sich zum Beispiel mit Fragen zu Sexualität und Verhütung an Jugendberatungsstellen wenden.

Freie Wahl

Seit 2003 dürfen sich die Einwohner Schwedens im ganzen Land zu den in ihrer Heimatprovinz geltenden Bedingungen behandeln lassen. Bis Januar 2010 müssen alle Provinziallandtage das im Februar 2009 vom Schwedischen Reichstag beschlossene System zur Primärversorgungswahl einführen. Die Patienten dürfen dann selbst entscheiden, ob sie ein privates oder öffentliches Gesundheitszentrum aufsuchen. Alle Erbringer medizinischer Dienstleistungen, die den Provinziallandtagsanforderungen entsprechen, dürfen ein Gesundheitszentrum gründen und werden aus öffentlichen Mitteln des entsprechenden Provinziallandtags entgolten. Die Erbringer müssen zum Beispiel Sozialarbeiter oder Psychologen bereitstellen, Dienste der gewöhnlichen häuslichen Gesundheitsfürsorge anbieten und über einen bis 21 Uhr erreichbaren Notdienst verfügen. Alle Gesundheitszentren erhalten für jede Konsultation
denselben Betrag.

Acht Regionalkrankenhäuser

In Schweden gibt es sechzig Krankenhäuser mit fachärztlicher Behandlung und durchgehend geöffneter Notaufnahme. Acht dieser Krankenhäuser sind Regionalkrankenhäuser, die eine hochspezialisierte medizinische Versorgung bieten. An die Regionalkrankenhäuser ist auch der Großteil von Forschung und Lehre angebunden.

Sechs Versorgungsregionen

Da viele Provinziallandtage kleine Versorgungsgebiete haben, wurden für die besonders spezialisierte medizinische Versorgung sechs Regionen gegründet. Die Koordination übernimmt der Nationale Ausschuss für Medizinische Versorgung (Rikssjukvårdsnämnden) innerhalb des Schwedischen Zentralamts für Gesundheits- und Sozialwesen. Die Akutkrankenhäuser sind Eigentum der Provinzen. Es kommt aber vor, dass Gesundheitsdienstleistungen an Vertragspartner ausgelagert werden. Für geplante medizinische Leistungen gibt es mehrere private Kliniken, bei denen die Provinzen als Ergänzung zum eigenen Versorgungsangebot Dienstleistungen zukaufen können. Dadurch soll der Zugang zu den Dienstleistungen des Gesundheitswesens verbessert werden.


Herausgeber: Schwedisches Institut  Erscheinungsdatum: Dezember 2009

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