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Okt 12, 2006

Die Schweden – ein Volk ohne Religion?

von: Charlotte Celsing, freie Autorin
Am 2. September trat in Schweden ein neuer Erzbischof sein Amt an. Aber wie viele Menschen schenken einem Ereignis wie diesem überhaupt Beachtung? Nur drei von zehn Schweden geben an, von der Institution Kirche überzeugt zu sein. Interessieren sich die Schweden nicht für Religion?

Toleranz und Respekt sind für die meisten Schweden wichtiger als Religion. Aber für andere spielt die Kirche noch eine wichtige Rolle.
Toleranz und Respekt sind für die meisten Schweden wichtiger als Religion. Aber für andere spielt die Kirche noch eine wichtige Rolle. Foto: Jim Elfström/IKON

Laut einer Studie der Universität Uppsala halten die Schweden Freiheit, Aufrichtigkeit, Toleranz, Vertrauen und Respekt für die wichtigsten Werte.

Die Untersuchung zeigt auch, dass die Schweden weltweit die größten Demokratiebefürworter sind. Demgegenüber identifizieren sie sich kaum mit Werten wie Religion, Familie und nationale Identität – was allerdings nicht bedeutet, dass es den Schweden an Glauben fehlt.

Jugendliche sind offen für Spiritualität

Annika Gustafsson ist Theologiestudentin. Während ihrer Ausbildung sammelt sie auch praktische Erfahrung in Gemeinden. Fast alle jungen Menschen, die Gustafsson beispielsweise auf Konfirmationslagern trifft, sind aufgeschlossen gegenüber religiösen und spirituellen Fragen – obgleich oft skeptisch gegenüber institutionell kirchlichen Dingen.

Viele Schweden sagen, Religion sei ihnen nicht wichtig. Trotzdem lässt sich fast die Hälfte der Fünfzehnjährigen konfirmieren.
Viele Schweden sagen, Religion sei ihnen nicht wichtig. Trotzdem lässt sich 40 Prozent der Fünfzehnjährigen konfirmieren. Foto: Jim Elfström/IKON

„Manche Jugendliche sagen, die Kirche sei etwas für Alte“, meint Gustafsson. „Aber sie dürsten nach Spiritualität. Oft erleben sie die Sprache und die Formen der Kirche als fremdartig – nicht deren Inhalte. Keiner, dem ich begegnete, stellt die Botschaft von Liebe, Mitgefühl und Vergebung in Frage.“

Die Funktion von Religion hat sich verändert

Religion hat in der schwedischen Gesellschaft nicht an Bedeutung verloren, sondern – so ein Report der Universität Åbo Akademi (Finnland) – einen Bedeutungswandel erfahren. Im säkularisierten Norden muss die Evangelisch-Lutherische Kirche besonders liberal und aufgeschlossen gegenüber einer modernen Interpretation der christlichen Botschaft sein. Eine zu autoritäre Haltung der Kirche würden die meisten Schweden nicht akzeptieren.

Die Mehrzahl der Kinder wird von der Schwedischen Kirche getauft.
Die Mehrzahl der Kinder wird von der Schwedischen Kirche getauft. Foto: Jim Elfström/IKON

Der Volkswirt Agnar Hall ist wie viele andere Schweden: Seine Kontakte mit der Kirche beschränken sich auf Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Beerdigungen. „Mein Alltag wird nicht im Geringsten davon tangiert, dass wir einen neuen Erzbischof bekommen“, sagt Hall, ergänzt aber, dass sich der Bischofswechsel natürlich auf die Entwicklung der Schwedischen Kirche auswirke.

Hall behauptet, die Kirche sei vom Alltag der Schweden abgekoppelt worden, erfülle aber weiterhin eine wichtige Funktion. Beispielsweise bei Unglücken wie der Tsunami-Katastrophe, bei denen die Menschen von Fragen geplagt werden, auf die es keine einfachen Antworten gibt und bei denen sie einen Ort der Begegnung brauchen.

Immer mehr Menschen treten aus der Schwedischen Kirche aus

In den 1970er Jahren wurden fast doppelt so viele Menschen wie heute getauft, konfirmiert und vermählt. Und die Schwedische Kirche verliert Mitglieder. Möglicherweise hat der Mitgliederrückgang einen finanziellen Hintergrund: Nach dem Austritt aus der Schwedischen Kirche muss man nämlich keine Kirchensteuer zahlen. Der Mitgliederschwund könnte aber auch damit erklärt werden, dass es in den Schulen keinen Religionsunterricht mehr gibt, die Jugendlichen die Botschaft der Bibel nicht mehr kennen und sich deshalb nicht mit der Kirche identifizieren.

Nichtsdestotrotz drücken viele Schweden ihre Sehnsucht nach einer spirituellen Dimension aus und sind auf der Suche nach einem tieferen Sinn des Lebens. In der modernen Gesellschaft entstand eine Lücke, die weder Wissenschaft noch hoher Lebensstandard ausfüllen können.

Der Islam ist in Schweden eine wachsende Religion. Diese Stockholmer Moschee wurde im Jahr 2000 eröffnet.
Der Islam ist in Schweden eine wachsende Religion. Diese Stockholmer Moschee wurde im Jahr 2000 eröffnet. Foto: Maskot

Die Menschen, die sich von der Schwedischen Kirche nicht angesprochen fühlen, suchen nach Alternativen. Diese finden sie beispielsweise bei anderen christlichen Konfessionen – etwa bei der 87 000 Mitglieder starken Pfingstbewegung – oder bei östlichen Religionen wie dem Buddhismus oder dem Hinduismus.

Im Zuge der Einwanderung wurde der Islam in Schweden zur zweitgrößten Religion. Mehrere Moscheen wurden bereits errichtet, weitere sind geplant.

Mit derzeit 80 500 Angehörigen ist in Schweden auch die Katholische Kirche relativ mitgliederstark.

Die Kirche als Gegengewicht

Der ehemalige Erzbischof Karl Gustav Hammar war umstritten und weckte großes Medieninteresse. Wegen seiner Erneuerungsversuche hielten ihn viele Leute für radikal und provokant. Hammar fand aber auch Anklang, besonders bei Akademikern und Intellektuellen. Ihm gelang es allerdings nicht, mehr Besucher in die Kirchen zu locken.

Anders Wejryd, Bischof der Diözese Växjö, ist seit kurzem der 69. Erzbischof der Schwedischen Kirche. Er ist der erste Erzbischof, der von der Kirche selbst berufen wurde. Bis einschließlich 1999 war die Schwedische Kirche nämlich der Regierung und dem Reichstag unterstellt, und die Bischöfe wurden von der Regierung eingesetzt.

Vor seiner Wahl nannte Wejryd zwei Angelegenheiten als besonders dringlich: dass sich die Schwedische Kirche verstärkt Unterprivilegierten im In- und Ausland zuwenden müsse und dass die christliche Erfahrung genutzt werden solle, um neue Perspektiven zu öffnen, die Sinn und Hoffnung stiften. Es bleibt abzuwarten, ob die Schweden ihrem Erzbischof Gehör schenken werden.

Fakten

Fast 80 Prozent (7 Mio.) der Schweden sind Angehörige der Schwedischen Kirche.

  • Nur 10 Prozent der Schweden halten Religion im Alltagsleben für wichtig. 
  • Ungefähr 70 Prozent der Kinder werden von der Schwedischen Kirche getauft.
  • Etwas mehr als 50 Prozent aller Trauungen finden in der Kirche statt.
  • Fast 90 Prozent der Schweden werden christlich beerdigt.
  • Der Islam hat in Schweden ungefähr 130 000 Anhänger (nach islamischen Quellen sind es allerdings mehr).

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Charlotte Celsing, M. A. in Kulturanthropologie und Literatur, ist freie Journalistin. Sie lebte und arbeitete in Indonesien, auf Fidschi und in Australien. Heute schreibt Celsing für Tageszeitungen und Monatsschriften. Kürzlich hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht.

Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.

Übersetzung: Stefanie Busam Golay

Klassifizierung: A159TY

© Foto 1: Jim Elfström/IKON
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