Startpunkt für Ihre Schweden-Erkundung
Kurze Fakten über Schweden
Schwedischer Lebensstil
Tourismus in Schweden
Arbeiten & leben in Schweden
Geschäftswelt in Schweden
Ausbildung in Schweden
Skip to content
Arbeiten & leben - Raum für Entfaltung.
 
Mai 8, 2007

Die schwedische Vision zur Verkehrssicherheit kommt gut an

von: David Wiles, Redakteur des Magazins „Sweden Today“
Eine revolutionäre Denkweise zur Sicherheit im Straßenverkehr trug dazu bei, dass Schweden die Zahl der Unfälle mit Toten und Schwerverletzten deutlich senken konnte. Zehn Jahre nach ihrer Einführung in Schweden wird die „Vision Null“ von anderen Ländern kopiert.

Das hohe schwedische Verkehrssicherheitsbewusstsein führte zu einem Rückgang der tödlichen Unfälle.
Das hohe schwedische Verkehrssicherheitsbewusstsein führte zu einem Rückgang der tödlichen Unfälle. Foto: Emma Nilsson

Jedes Jahr sterben weltweit 1,4 Millionen Menschen durch Verkehrsunglücke. Damit belegen Unfälle im Straßenverkehr Platz neun auf der Liste der häufigsten Todesursachen. Schweden ist eines der Länder, in denen das Risiko eher gering ist, bei einem Verkehrsunfall zu sterben. Aber im Sinne der „Vision Null“ werden auch die geringen Todeszahlen nicht mehr akzeptiert.

Nulltoleranz
Der Leitgedanke des Vision-Null-Konzeptes ist: Die einzig annehmbare Zahl der Toten und Schwerverletzten durch Verkehrsunfälle ist Null. Für die individuelle Mobilität dürfen keine Verkehrsopfer in Kauf genommen werden.

Schweden war in Sachen Straßensicherheit schon immer führend und gehörte zu den ersten Ländern, die für Begleiter auf dem Beifahrersitz und der Rücksitzbank die Gurtpflicht forderten. Das Vision-Null-Konzept brachte weitere erstaunliche Ergebnisse: Mittelleitplanken sorgten dafür, dass sich die Zahl der Frontalzusammenstöße um 80 Prozent verringerte. Und mit der Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit in Stadtgebieten gingen die Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern um die Hälfte zurück; ein neues Gesetz, nach dem Kinder unter 15 Jahren beim Rad fahren einen Helm tragen müssen, wird diese positive Entwicklung wohl noch verstärken.

Unfälle: Unausweichlich, aber nicht unabänderlich
Claes Tingvall, Leiter der Abteilung für Verkehrssicherheit des Schwedischen Zentralamtes für das Straßenwesen (Vägverket), gilt als Vater der „Vision Null“. Tingvall meint: „Wir im Verkehrswesen haben gewiss nicht absichtlich Menschen getötet, aber die Sicherheit war bisher auch nicht unser Hauptanliegen.“

Dreh- und Angelpunkt der „Vision Null“ ist der radikale Ansatz, die Verantwortlichkeit für Unfälle von den Verkehrsteilnehmern auf die Verkehrsgestalter zu schieben. „Vor ein paar hundert Jahren sagte man, dass Menschen krank werden, weil sie unmoralisch seien und nicht nach Gottes Willen lebten. Bei Verkehrsunfällen ist die Auffassung heute noch mehr oder weniger die gleiche: Wir haben begriffen, dass Bakterien und Viren krank machen. Bei Unglücksfällen beschuldigen wir aber immer noch die Opfer der Dummheit und der Verantwortungslosigkeit“, so Tingvall.

Claes Tingvall hat sich einen Namen als Schöpfer des schwedischen Konzeptes „Vision Null“ gemacht.
Claes Tingvall hat sich einen Namen als Schöpfer des schwedischen Konzeptes „Vision Null“ gemacht. Foto: Hasse Eriksson

Bei „Vision Null“ wird akzeptiert, dass es im Straßenverkehr zu Unfällen kommt – nicht aber, dass die Unfälle folgenschwer sind. Die einzig konsequente Vorgehensweise ist also, die Unglücksfolgen zu minimieren: Der Verkehr wird beruhigt, Kreuzungen umgestaltet, Leitplanken aufgestellt und starre Objekte am Straßenrand wie Bäume und Felsen entfernt.

Sicherheit durch Technik
Bei der Senkung der Unfallzahlen spielte auch die schwedische Autoindustrie eine maßgebliche Rolle. Die zwei größten Autohersteller Schwedens, Volvo und Saab, genießen in Sachen Sicherheit einen erstklassigen Ruf. 1958 ließ Volvo-Ingenieur Nils Bohlin den Dreipunktgurt patentieren, und Volvo war der erste Autohersteller der Welt, der diesen Sicherheitsgurt ein Jahr später als Standardausstattung in seine Wagen einbaute. Ingrid Skogsmo, Leiterin des Volvo-Sicherheitszentrums in Göteborg, sagt: „Um die Zahl der tödlichen Unfälle zu senken, muss sowohl bei den Menschen als auch bei der Infrastruktur und den Fahrzeugen angesetzt werden. Unser Ziel ist es, sichere Autos zur Verfügung zu stellen.“

Skogmos Team arbeitet an einer Vielzahl fortschrittlicher Technologien zur Unfallprävention. Eine davon ist die Bremsautomatik. „In unserem Volvo S80 steht Ihnen eine Kollisionswarnung mit Bremsassistent zur Verfügung“, erklärt Skogsmo. Ein Radargerät im Kühlergrill kontrolliert den Abstand zum voranfahrenden Auto. Wenn Sie zu stark auffahren, wird dies mit einem Tonzeichen und einem blinkenden Licht auf der Windschutzscheibe signalisiert. Um Ihre Reaktionszeit zu kompensieren, werden im selben Moment die Bremsklötze zu den Rädern bewegt.“

Halb schlafend hinter dem Steuer? Der schwedische Autohersteller Volvo hat ein optisches Radarsystem entwickelt, das den Fahrern hilft, Kollisionen bei geringen Geschwindigkeiten zu vermeiden. Illustration: Volvo
Halb schlafend hinter dem Steuer? Der schwedische Autohersteller Volvo hat ein optisches Radarsystem entwickelt, das den Fahrern hilft, Kollisionen bei geringen Geschwindigkeiten zu vermeiden. Illustration: Volvo

Andere Technologien, die in schwedischen Laboratorien entwickelt werden, sind beispielsweise hoch sensitive Alkoholsensoren, Nachtsichtsysteme, die den im Militärwesen verwendeten Systemen sehr ähnlich sind, und adaptive Geschwindigkeitsregler, die automatisch ausreichenden Abstand zum voranfahrenden Fahrzeug sichern.

Hysterische Reaktion
Tingvall sagt, die Reaktion im Ausland auf „Vision Null“ sei fast hysterisch gewesen. „Das Interesse war riesig. Wir versuchen, uns sowohl mit Ländern auszutauschen, in denen die Verkehrssicherheit sehr hoch ist, als auch mit Ländern, in denen das nicht der Fall ist – beispielsweise mit China, wo die Motorisierung infolge des Wirtschaftswachstums wirklich Probleme schafft.“

Professor John Whitelegg, Verkehrsexperte am Umweltinstitut Stockholm Environment Institute an der englischen Universität von York, bemüht sich darum, dass auch in Großbritannien ein Vision-Null-Konzept eingeführt wird. Für den Fall, dass er mit seinen Anstrengungen tatsächlich Erfolg hat, glaubt Whitelegg, dass die Zahl der Toten durch Verkehrsunfälle innerhalb von gut zwei Jahrzehnten von derzeit rund dreitausend auf fast null gesenkt werden kann.

„Als ‚Vision Null‘ bekannt gemacht wurde, dachte niemand auch nur im Traum daran, dass man die Zahl der Verkehrsunfälle mit Toten oder Schwerverletzten auf null bzw. fast null senken könne“, sagt Whitelegg. „Aber ‚Vision Null‘ hat sich in Schweden sehr bewährt und findet im Ausland immer noch Anklang.“

Doch gleichgültig, ob das Konzept in Großbritannien eingeführt wird oder nicht – „Vision Null“ wurde von Norwegen bis nach Australien angenommen, und das ausgeprägte schwedische Sicherheitsstreben sorgt dafür, dass Verkehrsunfälle weltweit weniger Opfer fordern.


FAKTEN

Tödliche Verkehrsunfälle in Schweden:
1997:  541
1998:  531
1999:  580
2000:  591
2001:  554
2002:  532
2003:  529
2004:  480
2005:  440
2006:  431

Tödliche Verkehrsunfälle 2005
(Anzahl Tote pro 100 000 Fahrzeuge):

Australien: 11,8
Belgien: 22,3
Kanada: 14,3
Frankreich: 14,3
Irland: 17,3
Japan: 9,8
Norwegen: 7,6
Polen: 32,4
Schweden: 8,6
Großbritannien: 10,2
USA: 18,5

Quelle: Schwedisches Zentralamt für das Straßenwesen/OECD

Was meinen Sie zu diesem Artikel?

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

David Wiles ist Redakteur des Magazins „Sweden Today“ und stolzer Eigentümer eines schwedischen Autos, das vor Sicherheitseinrichtungen nur so strotzt. Wiles’ Frau wäre allerdings dankbar, wenn der Wagen auch eine Vorrichtung hätte, die es ihrem Gatten unmöglich machte, zu dicht auf das vor ihm fahrende Auto aufzufahren.

Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.

Übersetzung: Stefanie Busam Golay

Klassifizierung: A190TY

© Foto 1: Emma Nilsson
© Foto 2: Hasse Eriksson
© Illustration: Volvo


 

Sweden.se wird vom Schwedischen Institut verwaltet. Es ist ein gemeinsames Projekt von folgenden Organisationen:

A part of the official gateway to Sweden