1. Aug. 2008
„Grün“ ist das Schlagwort in Hammarby Sjöstad — und nicht nur, weil Sommer ist. Unter dem frischen Grün der Stockholmer Wohngegend in Wassernähe verbergen sich etliche nachhaltige Lösungen. Das „Hammarby-Modell“ wurde weltweit zum Vorbild für umweltfreundliche Stadtentwicklung.
Eine neue Einzimmerwohnung in Hammarby Sjöstad ist für eine Monatsmiete ab 6 600 SEK (730 EUR) zu haben. Foto: Anna Sandelin
Hammarby Sjöstad war einmal ein heruntergekommenes, schadstoffbelastetes Industriegebiet. Anfang der 1990er Jahre — im Zusammenhang mit der Stockholmer Olympia-Bewerbung — einigten sich die politischen Parteien im Stadtrat darauf, Hammarby Sjöstad ökologisch vorbildlich umzugestalten. Nach Abschluss des Stadtbauprojektes im Jahr 2018 werden hier in rund 11 000 Wohnungen 20 000 Menschen leben.
Erik Freudenthal, Sprecher des Umweltinformationszentrums von Hammarby Sjöstad „GlashusEtt“, erläutert den Ausgangspunkt des Projektes: „Die Umweltbelastung sollte um die Hälfte reduziert, die Gebäude in diesem Gebiet sollten also doppelt so umweltverträglich gemacht werden wie andere in den 1990er Jahren gebaute Häuser.“
Halbierung des Wasserverbrauchs
Ein Teilziel besteht darin, die Bewohner dabei zu unterstützen, 50 Prozent der benötigten Energie selbst zu gewinnen: Abwasser und Haushaltsabfälle sollen zum Wärmen, zum Kühlen und zur Stromerzeugung genutzt werden. Inzwischen hat der gesamte lokale Strom ein Öko-Label, und im Gebiet werden neuartige Brennstoffzellen, Solarzellen und Solarmodule getestet.
Der Wasserverbrauch soll 90 Liter pro Tag und Kopf nicht übersteigen; er soll also auf ein Niveau gebracht werden, das der Hälfte des durchschnittlichen Wasserbedarfs eines Schweden entspricht: Zum Beispiel mischen Installationen in den Armaturen Luft in das Wasser und reduzieren so das genutzte Wasservolumen.
Der Müll wird getrennt und teilweise zur Energiegewinnung wiederverwertet. Das High-Tech-Abfallwirtschaftsunternehmen „Envac“ entwickelte ein System aus unterirdischen Röhren, durch die der Müll mit Hilfe von Vakuumtechnik abgesaugt und wegtransportiert wird. Außerdem wurde ein Klärwerk mit neuer Reinigungstechnik gebaut.

Es muss nicht teuer sein, grün zu leben, meint Anwohner Joakim von Porat (rechts): „Wenn man sich die Wohnungsgröße anschaut, lebt man hier billiger als im Stadtzentrum“, sagt er. Links: Christine von Porat. Foto: Anna Sandelin
Die Einwohner Hammarby Sjöstads messen der Nachhaltigkeit in ihrem Alltag ganz unterschiedlichen Wert bei. Christine von Porat findet, dass das Umweltengagement in der letzten Zeit nachgelassen hat. „Am Anfang haben zum Beispiel viele ihr Auto verkauft und sind Fahrgemeinschaften beigetreten“, sagt sie. „Das ist inzwischen anders.“
Richard Broberg, auch Hammarby-Sjöstad-Bewohner, meint, abgesehen von der Müllsortierung gar keine Umweltfreundlichkeit feststellen zu können. Urban Nyström glaubt hingegen, dass „man ein echter Umweltfreund werden kann, wenn man hier lebt“.
Attraktive Gegend
Laut Lars Fränne, dem Stockholmer Projektmanager für Hammarby Sjöstad, sind in den letzten paar Jahren sehr viele Menschen in den Stadtbereich gezogen.
Sein Kollege Freudenthal meint, dass unter den Zuzüglern eine Gruppe besonders hervorsticht: „Es gibt viele Familien in der Gegend“, sagt er. „10 Prozent der Einwohner sind Kinder unter sechs Jahren, und in der Umgebung gibt es 10 Vorschulen und 2 Grundschulen.“
Für Urban Nyström bringt das Leben in Hammarby Sjöstad mehrere Vorteile mit sich: „Es ist luftig und grün, der Verkehr ist beruhigt, es ist kinderfreundlich, und die Verkehrsanbindung zum Stadtzentrum ist gut. Außerdem ist alles sehr gepflegt. Wir haben direkt unter unserer Wohnung Schaukeln und Sandkästen.“

Erik Freudenthal steht auf dem Dach von „GlashusEtt“, wo er arbeitet. Hier informiert er die Besucher seit 2002, wie Hammarby Sjöstad Nachhaltigkeit pflegt. Foto: Anna Sandelin
Ganzheitlicher Ansatz
Freudenthal meint, dass der integrierte Planungsprozess Hammarby Sjöstad so außergewöhnlich macht: „Bevor die erste Linie gezeichnet wurde, fokussierten alle am Projekt beteiligten Einheiten zunächst auf den Umweltaspekt. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz.“
Fränne ergänzt: „Einzigartig sind auch die konzertierte Projektorganisation und die weitreichende Beteiligung der Stadt.“
Der öko-innovative Stadtbereich sorgte schnell weltweit für Aufsehen. Im Jahr 2007 hatte „GlashusEtt“ über 12 500 Gäste. „Hammarby Sjöstad wurde zu einer Art internationalem Markenzeichen“, sagt Freudenthal. „Uns besuchten zum Beispiel rund ein Dutzend der namhaftesten Geschäftsführer aus der britischen Bauindustrie und dreißig thailändische Bürgermeister.“
Das „Hammarby-Modell“ wurde auch exportiert — nämlich nach Russland, in das Vereinigte Königreich und nach China, wo man sich für die Stadt Hohhot von Hammarby Sjöstad inspirieren ließ.

Sauber! Das schwedische Umwelttechnologieunternehmen „Envac“ erfand diese Abfallsortieranlagen Hammarby Sjöstads. Foto: Envac/Image Bank Sweden
Ziele erreicht?
Sind die Umweltziele erreicht worden, nun, nachdem das Projekt schon seit zehn Jahren läuft? In einem neuen Bericht, für den ein Großteil Hammarby Sjöstads untersucht wurde, kommt man zu dem Schluss, dass der Stadtbereich 30 bis 40 Prozent umweltfreundlicher ist als normale Wohngebiete. Positiv — aber durchaus noch verbesserungsfähig.
Laut Freudenthal stehen Gebäude und Infrastruktur für 75 Prozent der Nachhaltigkeit in Hammarby Sjöstad — für die restlichen 25 Prozent müssen die Anwohner die Verantwortung übernehmen. Was das Engagement der Anwohner betrifft, zeigt sich Fränne etwas skeptisch: „Die Menschen mögen wohl die Vorstellung von Hammarby Sjöstad als Nachhaltigkeitsprojekt, sind aber nicht besonders erpicht darauf, die Heizung in ihrer Wohnung um eine Einstellung kleiner zu stellen. Wahrscheinlich betrachten die meisten Leute dies in erster Linie als ein normales Wohngebiet.“
Die Meinungen darüber, ob Hammarby Sjöstad zum Leben oder zum grünen Leben da ist, mögen auseinandergehen. Aber eines ist sicher: Die Anwohner fühlen sich in Hammarby Sjöstad so richtig wohl.
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Anna Sandelin
Anna Sandelin ist freie Journalistin. Ihr Studium der Humanökologie brach sie nach zunehmender Desillusionierung ab. Wenn sich Nachhaltigkeit als so angenehm erweist wie in Hammarby Sjöstad, ist sie allerdings durchaus bereit, ihre Entscheidung nochmal zu überdenken.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.'
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A255TY
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