27. Dez. 2006
Als das Mädchen im Morgengrauen beim Bürsten seines Haares aus dem Fenster schaute, sah es ein Wolfsmännchen über den schneebedeckten Hof des Nachbarhauses schleichen. So begann das Jahr 2006.
Es war kalt. Sehr kalt. Sogar für schwedische Verhältnisse: Wasserleitungen froren ein, Pumpen froren ein, Nasen froren blau, der wilde Urahn des Haushundes tauchte viele Kilometer südlich von Stockholm auf und die Hundekälte wurde zum Gesprächsthema Nummer eins.
Dann wurde es wärmer. Viel wärmer. Rekordwarm: Am Jahresende diskutierten die Schweden nur noch über den Treibhauseffekt. Trotzdem schienen sie nach dem „isegrimigen“ Jahresbeginn dem Klischee anzuhängen, in einem außergewöhnlich kalten Land zu leben.
Im Allgemeinen wollen die Schweden die Vorurteile gegen ihr Heimatland ja entkräften: Nein, durch die Straßen Stockholms ziehen keine Eisbären. Nein, Gruppensex mit Fremden ist selten. Und nein, Schweden hat nicht deshalb nur neun Millionen Einwohner, weil sich hier ständig jemand das Leben nimmt.
Das Jahr 2006 sollte paradoxerweise zu dem Jahr werden, in dem Schweden – auch für die Schweden – in mentaler Hinsicht ganz schön kalt wurde.
„Sie leben in Häusern aus Eis“
Dass wir in Eishäusern leben, wurde mir in Kapstadt klar – 10 370 Kilometer südlich von Stockholm.
Als ich zuletzt in Südafrika war, hatte man in Erwartung der schwedischen Charterflüge gerade einen FKK-Strand angelegt. Schließlich war man über die Feriengewohnheiten der Schweden – nackt baden, nackt Tischtennis spielen und nackt mit Elchen ringen – genauestens orientiert …

Ja, das Eishotel in Jukkasjärvi ist ein beliebtes Touristenziel, aber nein, nicht alle Schweden leben in Häusern aus Eis. Foto: Johan Ylitalo / www.imagebank.sweden.se
Dieses Jahr sprachen die Südafrikaner – vom Winzer bis zum Jazzmusiker – nur über das Eishotel im nordschwedischen Jukkasjärvi. Irgendwann konnte auch ich nicht mehr mit Argumenten dagegenhalten wie: „Häuser aus Eis sind in Schweden etwa gleich häufig wie Häuser aus Pizza in Italien“. Stattdessen hörte ich mich selbst sagen: „Na klar, wir leben in Eishäusern, trinken Wodka aus Eisgläsern, spielen auf Eisgeigen, schlafen in Eisbetten auf Fellen von Tieren, die wir mit Eispfeilen erlegt und mit Eismessern ausgenommen haben.“
Tops und Flops
Mit der olympischen Goldmedaille der Eishockey-Herren, der Silbermedaille der Eishockey-Damen und den schwedischen Olympia-Erfolgen im Biathlon stand sogar das Sportjahr unter einem eisigen Stern. Da konnte es die Schweden auch kalt lassen, dass sich David Letterman über Biathlon und andere seiner Meinung nach so wunderliche Wintersportarten mokierte. Langlaufski zu fahren und dabei zu schießen, ist für den CBS-Moderator etwa so kurios wie zu schwimmen und sich dabei die Kehle zuzudrücken. Zumal Lettermans Ansicht vielleicht in New York haltbar sein mag, aber wohl kaum auf einem verschneiten schwedischen Hof, den gerade ein Wolf überquert.
Die schwedische Leistung bei der Fußball-WM war hingegen eine Enttäuschung. Andere Pleiten waren der vierte Platz auf der Liste der besten europäischen Gesundheitssysteme; der Umstand, dass Finnland – und nicht Schweden – beim Eurovision Song Contest gewann; und die Tatsache, dass Stockholm auf der Liste der teuersten Städte der Welt, an Orten wie Shanghai, Kiew und São Paulo vorbei, auf Platz 36 rutschte – für viele Schweden ein Zeichen wachsender Armut. Am schlimmsten aber war der siebte Platz auf der vom Erzrivalen Dänemark angeführten Rangliste der „Weltkarte des Glücks“. Aber die Dänen trinken schließlich auch mehr Bier als die Schweden, was in diesem Zusammenhang durchaus als Doping angesehen werden sollte.
Spitzenmäßig
Ein paar Spitzenplätze konnten die Schweden aber doch erobern: Schweden ist weltweit führend in Sachen Globalisierung. Die Vereinten Nationen deklarierten Schweden als eines der fünf Länder, in denen es sich am besten leben lässt. Die britischen Zeitungsleser wählten Schweden bei den „Travel Awards 2006“ zum „Favourite European Country“. Und schließlich zählt Schweden zu den Ländern, die am meisten zur Bekämpfung des Treibhauseffektes beitragen (Schweden ist schließlich darin geübt, Eiseskälte zu produzieren).
Auch der vielleicht prestigeträchtigste Titel – das demokratischste Land der Welt zu sein – wurde Schweden zuteil. Vornehmer geht es kaum.
Mit diesem Erfolg in der Tasche lässt sich großzügig darüber hinwegsehen, dass 80 Prozent der Schweden Ikea vertrauen, aber nur 35 Prozent dem Reichstag. Was andererseits freilich Sinn macht – im Grunde genommen ist es einfacher, jemandem Glauben zu schenken, der sagt: „Das ist ein Stuhl, auf dem kann man sitzen“ als jemandem, der hoch und heilig verspricht: „In fünfzehn Jahren ist Schweden unabhängig vom Erdöl“.
Überkommene Klischees, neue Regierung
Nach dem rekordwarmen Sommer, übrigens mit der Folge eines bedenklichen Speiseeismangels, schien Schweden unbedingt das Kälte-Klischee aufrechterhalten zu wollen. Björn Borg – die zum Unterhosen-König gewordene Tennislegende – inserierte ganzseitig mit halbnackten Blondinen, die, mit Besen bewaffnet, zwischen Eisbergen und Eisbären marschierten.
Schließlich wählte das schwedische Volk die Sozialdemokraten doch noch ab. Der seither regierenden bürgerlichen Allianz steht Fredrik Reinfeldt von der Moderaten Sammlungspartei vor.
Und zum Schluss verlieh Schweden dem türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk den Literaturnobelpreis. Das schwedische Jahr begann also mit einem Wolf auf eisiger Schneefläche und endete mit einem preisgekrönten Verfasser, der seinen Durchbruch mit dem Roman „Schnee“ hatte.
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Johan Tell ist Reisejournalist und Autor. Er schrieb unter anderem einen Stockholm-Führer und ein Buch über vermeintlich typisch schwedische Eigenschaften „Lagom: myter och sanningar om det vi kallar svenskt“.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A175TY
© Foto 1: Jussi Nukari and Magnus Jönsson / Scanpix
© Foto 2: Johan Ylitalo / www.imagebank.sweden.se
© Foto 3: Jonas Ekströmer / Scanpix
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