19. Dez. 2008
Im Jahr 2008 gab es in Schweden ungewöhnlich wenige Wespen. Man muss die positiven Dinge ordentlich breittreten. 2008 sah es für uns Schweden ziemlich zappenduster aus — wirtschaftlich und sportlich ebenso wie wettertechnisch. Immerhin konnten wir uns an neuen Erhellungen über unsere altnordischen Vorfahren erfreuen.

Auf dem Interfaith Climate Summit beschäftigte man sich im November 2008 mit dem irdischen Problem der globalen Erwärmung. Foto: Magnus Aronson/Ikon
Das Jahr 2008 begann mit dem wärmsten „Winter“ der letzten hundert Jahre. Die eigentümlichste Meldung hierzu trug die Überschrift „Südschweden ohne Jahreszeit“: Es war nicht warm genug, als dass man die Jahreszeit, die keine war, „Frühling“ hätte nennen dürfen. Es war nicht kalt genug, dass der Ausdruck „Winter“ korrekt gewesen wäre. Und laut Regelwerk des Schwedischen Meteorologischen und Hydrologischen Instituts darf nach dem 14. Februar nichts als „Herbst“ bezeichnet werden.
Das regelwidrige Wetter wurde schließlich zu einem Gesprächsthema, das sogar den lieben Gott beschäftigte — oder wie auch immer man die Tatsache zusammenfassen will, dass die Schwedische Kirche der globalen Erwärmung den Kampf angesagt hat. Der klerikale Wunsch, sich für die Schöpfung und die Ärmsten der Welt einzusetzen, denen der Klimawandel am stärksten zusetzt, mündete in eine internationale Klimakonferenz: den Interfaith Climate Summit mit dreißig Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen.
Aus dem gleichen Grund, wenn auch ohne Gebete, baute man in Växjö ein achtstöckiges Holzhaus. Und weil die Zementfabriken weltweit ebenso viel Kohlendioxid ausstoßen wie sämtliche Flugzeuge dieser Welt, ist es durchaus wünschenswert, weniger Beton und mehr Holz zu verbauen. Indem man ein Haus mit 4 Stöcken und 16 Wohnungen statt aus Beton aus Holz errichtet, spart man pro Wohnung immerhin rund 17 Tonnen Kohlendioxid ein. Was summa summarum 30 Stockholm-Bangkok-Flügen entspricht.

In Växjö wurde mit „Limnologen“ das höchste Holzhaus Schwedens errichtet: mehr Holz = weniger Beton = umweltfreundlicher. Foto: Välle Broar
Der Bau hoher Holzhäuser war in Schweden allerdings lange verboten. Ein Umstand, an dem übrigens die Verwandtschaft meiner Gattin nicht unschuldig ist: Der Brand, der die Holzstadt Karlskrona 1790 in Schutt und Asche legte, begann in der Waschküche der Vorfahren meines lieben Eheweibes — weshalb meine Frau bis heute nicht gern in der Region Blekinge Ferien macht, deren Hauptstadt Karlskrona ist.
Im Hinblick auf das schwedische Image ist zu vermelden, dass es neue Erkenntnisse über den Look der Wikinger gibt. Laut der Archäologin Annika Larsson sah der Wikinger keineswegs wie ein ungestriegelter Wilder aus. Ganz im Gegenteil: Inspiriert von der Mode in Russland und im Orient pflegte er Kleidung aus regenbogenfarbenen Seidenstoffen mit feinen Bändern aus verschnörkeltem Silberdraht zu tragen und mit Accessoires wie glitzernden Berlocken und Halsbändern aufzupeppen.
Mag sein, dass der Kleidergeschmack des Wikingers nach dieser Enthüllung etwas gay anmutet. Aber das ist den Schweden sowieso völlig egal. Jedenfalls den meisten. Die Mehrheit der Schweden unterstützt nämlich die Vorlage ihrer Regierung, im Jahr 2009 die gleichgeschlechtliche Ehe einzuführen. Mehr noch: Die meisten Schweden finden sogar, dass ihr Land in Sachen LGBT-Gesetze in Europa führend sein müsse und sich nicht von einem erzkatholischen Land wie Spanien, das die Homo-Ehe schon vor mehreren Jahren einführte, hätte überholen lassen dürfen.

In Kiruna bröckelt nicht nur die Fassade. Foto: Johan Ylitalo/www.imagebank.sweden.se
Die Weltmarktpreise für Eisen und Stahl sind in die Höhe geschnellt. Deshalb will das schwedische Bergbauunternehmen LKAB den Erzabbau ausweiten. Gut so. Dumm nur, dass das relevante Erzvorkommen direkt unter der nordschwedischen Stadt Kiruna liegt, läuft die doch Gefahr, demnächst mit einer Rolle vorwärts im Grubenloch zu verschwinden. Deshalb wurde der Beschluss gefasst, die Stadt in nordwestliche Richtung zum Berg Luossavaara hin zu versetzen. Eines verwundert uns Schweden, die weit unterhalb des nördlichen Polarkreises geboren wurden, allerdings einigermaßen: Jetzt hat man schon einmal die Gelegenheit, eine lappländische Stadt zu versetzen, und dann soll dies ausgerechnet auf den letzten Metern schwedischen Bodens nach Norden hin geschehen, statt in Richtung bewohnbarer EU-Gegenden, sprich in Richtung Mittelmeerraum.
Das neue Gesetz, das die Radioanstalt der Landesverteidigung (FRA) berechtigt, den gesamten Datenverkehr mit dem Ausland abzuhören, hält ein Teil der Schweden für typisch schwedisch. Die Kritiker meinen, dass es nur in Diktaturen und im Big-Brother-Land Schweden möglich sei, Staatsbürger auszuspionieren, die nicht im Verdacht stehen, sich strafbar gemacht zu haben.
FRA-Gesetz hin, FRA-Gesetz her. Tatsächlich ist es doch so, dass die Schweden, die in einem überwachten Land zu leben meinen, keine Ahnung von Überwachung haben und deshalb den Willen des Landes, seine Staatsangehörigen zu schützen, mit ungesetzlicher Kontrolle derselben verwechseln. Dies kann damit bewiesen werden, dass Schweden im Jahr 2008 Platz eins des sogenannten Korruptionswahrnehmungsindex belegte. Das bedeutet doch nichts anderes, als dass Schweden das am wenigsten korrumpierte und das offenste Land der ganzen Welt ist.
Links: Das FRA-Gesetz sorgte für Demonstrationen. Rechts: Schweden will, dass mehr Männer staubsaugen. Fotos: Jessica Gow/Scanpix und Plattform/Johnér
Und noch eine Bestenliste führte Schweden an: Gleichgestellt, wie sie sind, beteiligen sich schwedischen Männer mehr an der Haushaltsarbeit als sämtliche ihrer Geschlechtsgenossen im europäischen Ausland.
Außerdem sind wir Schweden gemeinsam mit den Japanern und Norwegern neuer Technik weltweit am offensten gegenüber eingestellt. Die Schweden sind die eifrigsten Internetbenutzer. Über 85 Prozent der Schweden surfen daheim, während in Europa durchschnittlich nur jeder Zweite zu Hause einen Internetanschluss hat.
Es war die 75-jährige Sigbritt Löthberg, die in Karlstad in den Genuss der weltschnellsten Breitbandverbindung kam. Freute sie sich über die 1 500 hochaufgelösten Fernsehsender und die Möglichkeit, einen Film in nur zwei Sekunden herunterladen zu können? Dazu ließ sich Peter Löthberg, Vater des schwedischen Internets und Sohn der Dame, nicht aus.
Der Pioniergeist der schwedischen Bevölkerung in Sachen Technik hängt sicher damit zusammen, dass unser schwach bevölkertes, längliches Land schon immer verhältnismäßig viele erfolgreiche Erfinder hervorgebracht hat. Gerade konnte das 50. Jubiläum des Herzschrittmachers gefeiert werden. Und wer hat's erfunden? Die Schweden! Der Patient, dem der erste Pacemaker eingepflanzt wurde, probierte in seinem Leben sage und schreibe 22 solcher Teile aus — und überlebte sowohl den Erfinder als auch den Chirurgen.
Was den Anteil glücklicher Pensionäre betrifft, wurde Schweden übrigens von seinem Erzrivalen Dänemark auf den zweiten Ranglistenplatz verwiesen. Es besteht allerdings berechtigter Anlass zu der Vermutung, dass man die älteren Herrschaften befragte, bevor bekannt wurde, dass nicht mehr Schweden, sondern sein südlicher Nachbar das Land mit der weltweit größten Steuerlast ist.

Mit wie vielen Holzhäusern kann man einen Flug nach New York „bezahlen“? Foto: Björn Keller/Link Image
Im Herbst reiste ich mit meiner Familie nach New York. Wir zahlten bei dieser Gelegenheit 44 Prozent mehr, als wenn wir die Fahrt ein halbes Jahr früher unternommen hätten. Dumm gelaufen — auch wenn wir es hier mit einem typischen Industrieland-Problem zu tun hatten. Schließlich hatten wir immer noch das nötige Kleingeld und immer noch Arbeitsplätze. Und wir wohnten nicht nur, sondern lebten schon und immer noch.
Für andere sieht es düsterer aus, so zum Beispiel für diejenigen, die dieses Jahr ihren Arbeitsplatz verloren haben. In Schweden sind viele neuerdings Erwerbslose ehemalige Mitarbeiter des Autoherstellers Volvo. Bei Volvo — nomen non est omen — rollt es bekanntermaßen gerade nicht besonders rund, weshalb der Ford-Konzern Volvo nun loswerden will.
Ich habe viel darüber nachgedacht, welche Rolle der Weltmarkt in diesem Zusammenhang spielte, und wie ausschlaggebend die Volvo-internen Fehler waren. Ich fahre ja immer noch in meinem inzwischen zehn Jahre alten Volvo durch die Gegend. Der wird mit Biogas betrieben, das den Treibhauseffekt nicht verstärkt, das aus dem Müll gewonnen wird, den die Stockholmer produzieren, und für das kein Krieg im Nahen Osten, in Georgien oder in Westafrika geführt werden muss.
Im Jahr 2008 stellte Volvo die Produktion von Autos ein, die mit Biogas gefahren werden können, und lancierte stattdessen — From Sweden with love — sein Modell XC60. Das Gefährt mag ja wieder einmal eine superfürsorgliche Verkörperung von Sicherheit aus Schwedenstahl sein — aber mit umweltgerechtem Motor ist es nicht zu haben. Von wegen ReVOLVOlution!
Ach, und noch was: Derzeit tauft der Schwede seine Sprösslinge am liebsten Wilma und William. Das nur am Rande für diejenigen, die wie die amerikanischen Filmemacher immer noch glauben, des Schwedens Lieblingsnamen seien Inga und Olaf.
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Johan Tell
Johan Tell ist Reisejournalist und Schriftsteller. Im Oktober erschien sein Buch „Träd kan rädda världen“ (Bäume können die Welt retten). Sein Buch „100 sätt att rädda världen“ (100 Arten, die Welt zu retten) wurde ins Finnische, Dänische, Norwegische und Englische übersetzt.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A281TY
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