Startpunkt für Ihre Schweden-Erkundung
Kurze Fakten über Schweden
Schwedischer Lebensstil
Tourismus in Schweden
Arbeiten & leben in Schweden
Geschäftswelt in Schweden
Ausbildung in Schweden
Skip to content
Arbeiten & leben - Raum für Entfaltung.
 
12. Apr. 2006

Schweden auf dem Weg in eine Zukunft ohne Erdöl

von: David Wiles, Redakteur bei Sweden Today
Die Schweden könnten bald ihre Autos mit geschmuggeltem Alkohol und Tierabfällen betanken. Denn die schwedischen Regierung plant, das Land innerhalb von 15 Jahren vom Erdöl abzubringen und es damit zum ersten erdölfreien Land der Welt zu machen.

Schweden ist unterwegs in eine grüne Zukunft. Foto: Yvonne Palm /Zentralamt für Straßenwesen
Schweden ist unterwegs in eine grüne Zukunft. Foto: Yvonne Palm /Zentralamt für Straßenwesen

Schweden gewinnt bereits heute seine Elektrizität größtenteils aus Atom- und Wasserkraft. Jetzt richtet es seine Aufmerksamkeit auf Transporte, Benzin und Diesel.

Eine Reihe von alternativen Kraftstoffen wird heute schon überall in Schweden verwendet, das im Environmental Performance Index (EPI) der umweltfreundlichsten Länder an zweiter Stelle steht.

Der Geist des Aufbruchs

Die hohen Preise für Alkohol in den schwedischen Spirituosengeschäften sorgen für einen nicht abreißenden Strom von Tagesausflüglern in die Nachbarländer Deutschland und Dänemark, wo sie sich preisgünstig mit Bier, Wein und Spirituosen eindecken. Letztes Jahr, als die Bestimmung „für den persönlichen Verzehr“ galt, wurden vom Zoll 55 000 Liter Spirituosen, 294 000 Liter Bier und 39 000 Liter Wein beschlagnahmt.

Peter Nielsen ist Leiter der Ermittlungsabteilung der Schwedischen Zollverwaltung (Tullverket) in Malmö, Südschweden. „Als ich 1986 Zollbeamter wurde, war es üblich, diese Getränke einfach in den Ausguss zu schütten“, sagt er.

Beschlagnahmter Alkohol wird in umweltfreundlichen Kraftstoff für schwedische Straßenbenutzer umgewandelt. Foto: Zollverwaltung
Beschlagnahmter Alkohol wird in umweltfreundlichen Kraftstoff für schwedische Straßenbenutzer umgewandelt. Foto: Zollverwaltung

„Aber jetzt gibt es ein neues Umweltbewusstsein. Durch das Wegschütten wird nichts gewonnen, weder finanziell noch für die Umwelt. So sind wir dazu übergegangen, die Getränke, statt sie in den Ausguss zu gießen,  in einer technisch hochentwickelten Anlage zur Erzeugung von Biogas und umweltfreundlichem Kunstdünger zu verwenden.“

Die jährlich von der Zollverwaltung beschlagnahmten eine Million Flaschen und Dosen werden per LKW zu einem Lagerhaus gebracht, wo sie in eine Brechmaschine gekippt werden. Die Getränke werden von den Behältern getrennt und mit Wasser vermischt, was einen riesigen Cocktail übelster Sorte ergibt. Dieser wird dann per Tankschiff zu einer Anlage in Linköping etwa 200 km südlich von Stockholm gebracht und in Biokraftstoff umgewandelt, der als Kraftstoff für öffentliche Busse, Taxis, Müllautos, Privatwagen, ja sogar für einen Zug verwendet wird.

Der Biogas-Zug, der zwischen Linköping und Västervik an der südöstlichen Küste seit sechs Monaten verkehrt, hat internationales Interesse erregt und seine Technik könnte bald von Indien übernommen werden.

Der Biogas-Zug ist weltweit einer der ersten Züge dieser Art. Foto: Lars Adolfsson/SVT Östnytt
Der Biogas-Zug ist weltweit einer der ersten Züge dieser Art. Foto: Lars Adolfsson/SVT Östnytt

Verwerten, nicht vergeuden

Peter Undén ist Marketing-Leiter der Firma SvenskBiogas, die Biogas für Transportmittel im östlichen Schweden erzeugt, vertreibt und verkauft. Jedes Jahr wandelt das Unternehmen 50 000 Tonnen eines ekelerregenden Gemischs aus Schlachthausabfällen, menschlichen Exkrementen und beschlagnahmtem Alkohol in sauberes Biogas um.

Undén zufolge bleiben häufig Blut, Innereien und andere nicht verwendbare kleine Fleischstücke übrig, wenn in der örtlichen Lebensmittel verarbeitenden Industrie Kühe und andere Tiere geschlachtet werden. „Früher wurde das einfach auf Deponien gebracht, wo es verrottete und Methan freigab“, meint er. „Es ist also eine gute Sache, diese Energie positiv zu nutzen.“

Dieses Wunder der Wissenschaft, bei dem Abfallprodukte in einen Brennstoff umgewandelt werden, der nur fünf Prozent der Benzinemissionen erzeugt, findet in einem „anaerobic digester“ statt.

„Wenn diese Abfälle unsere Anlage erreichen, vermengen wir sie, erhitzen sie auf 70º C und geben sie dann in die ‚anaerobic digesters‘ “, erklärt Undén. „Die organischen Materialien werden 30 Tage lang zersetzt, im Laufe dieses Prozesses wird Biogas erzeugt. Wenn das Gas austritt, reinigen wir es und verkaufen es.“

Undén erklärt,  die Verwendung von Biogas als Kraftstoff sei deshalb vorteilhaft, weil es erneuerbar und kohlendioxidneutral sei und außerdem lokal erzeugt werde, wodurch Arbeitsplätze geschaffen und Transportkosten reduziert werden.

Das günstigere Angebot

Mattias Goldman von Gröna Bilister (Schwedischer Grüner Automobilverband) nennt weitere Vorteile für den Abschied von fossilen Kraftstoffen. „Es ist einfach wirtschaftlicher. Wenn Sie mit Äthanol fahren, sparen Sie verglichen mit Benzin etwa 15 SEK auf 100 Kilometer. Fahren Sie mit Biogas, können Sie bis zu 50 SEK auf 100 Kilometer sparen.“

Goldman weist darauf hin, dass Fahrer von „grünen“  Autos die Straßenmaut in Stockholm nicht bezahlen müssen und in vielen größeren schwedischen Städten umsonst parken dürfen. „Außerdem bezahlen Benutzer von Dienstwagen weniger Kfz-Steuern“,  meint er. „Nicht die Greenpeace-Aktivisten, sondern die Dienstwagenfahrer lassen den Markt für grüne PKW in Schweden schnell wachsen.“

Heute fahren fast 40,000, d.h. ein Prozent, der vier Millionen Autos auf den schwedischen Straßen mit alternativen Kraftstoffen. Im letzten Jahr stieg der Umsatz um 168 Prozent. Bis Ende des Jahres werden grüne Autos schätzungsweise etwa 20 Prozent des Neuwagengeschäfts ausmachen.

Mit diesem breiten Engagement in der Bevölkerung, der Entschlossenheit der Regierung und einer ordentlichen Dosis an Erfindungsreichtum könnte Schweden noch beweisen, dass es ein Leben nach dem Erdöl gibt.
 
Was meinen Sie zu diesem Artikel?

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

David Wiles ist ein englischer Journalist und lebt in Skåne in Südschweden. Er ist Redakteur bei dem Magazin Sweden Today.

Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.

Übersetzung: Margaretha Tidén

Klassifikation: A138TY
© Foto 1: Yvonne Palm /Zentralamt für Straßenwesen(Vägverket)
© Foto 2: Zollverwaltung
© Foto 3: Lars Adolfsson/SVT Östnytt


 

Sweden.se wird vom Schwedischen Institut verwaltet. Es ist ein gemeinsames Projekt von folgenden Organisationen:

A part of the official gateway to Sweden