Während Wirtschaftskrise und Entlassungswellen die Schlagzeilen weltweit dominieren, lockert Schweden seine Gesetze zur Arbeitskräftezuwanderung. Es handelt sich um die bedeutendste Umstrukturierung der letzten vierzig Jahre.

Durch die Lockerung der Gesetze zur Arbeitskräftezuwanderung hat Schweden die Türen für Fachkräfte aus der ganzen Welt geöffnet. Foto: Henrik Trygg.
Jetzt ist es für alle Ausländer — nicht nur für EU-Bürger — leichter, eine Arbeitserlaubnis für Schweden zu erhalten. Durch die gesetzlichen Änderungen, die die schwedische Regierung am 15. Dezember vornahm, wurden die bürokratischen Auflagen stark vereinfacht.
Bekämpfung des Fachkräftemangels
Angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheiten und der Finanzturbulenzen, die Schweden ebenso wie der Rest der Welt zurzeit erlebt, mag die Begünstigung der Arbeitskräftezuwanderung ziemlich schlecht getimt wirken. Aber Tobias Billström, schwedischer Minister für Migration und Asyl, sieht das ganz anders: „Wir stehen an vorderster Front und haben diese Gesetzesänderung zum idealen Zeitpunkt vorgenommen. Es ist schön zu wissen, dass diese arbeitspolitische Debatte schon hinter uns liegt, während viele andere Länder sie noch nicht einmal eröffnet haben. Die Arbeitskräftekonkurrenz wird in Zukunft nur zunehmen. Und wenn die Wirtschaft sich wieder erholt, sind wir Dank der neuen Gesetzgebung klar im Vorteil.“
Für viele schwedische Unternehmen wurde der Mangel an geeigneten Fachkräften immer prekärer. Auch heute — bei schwächelnder Wirtschaft — erlebt Schweden einen Fachkräftemangel in Bereichen wie Ingenieurwesen, IT, Schweißtechnik, Technologie und — besonders außerhalb der Industriezentren — Gesundheitswesen.
Angesichts der schnell überalternden Arbeitnehmerschaft und der vielen anstehenden Pensionierungen sagt die Regierung für das Jahr 2011 einen noch größeren Arbeitskräftemangel voraus.
Erleichterungen für Studenten
Die neue Gesetzgebung erlaubt es Arbeitgebern, die ihren Arbeitskräftebedarf nicht in Schweden, den EU-/EWR-Ländern und der Schweiz decken können, auch in anderen Ländern Mitarbeiter zu rekrutieren. Menschen aus anderen Teilen der Welt haben es nun also leichter, nach Schweden zu immigrieren — und Arbeitergeber finden eher geeignete Kräfte.
Das neue Arbeitssystem ist bedarfsgesteuert — im Gegensatz zu vielen anderen Ländern stützt sich Schweden nicht auf ein Punkte- oder Quotensystem. Arbeitgeber dürfen also anstellen, wen auch immer sie für die jeweilige Aufgabe für geeignet halten.
Die gesetzlichen Änderungen bringen auch mit sich, dass ausländische Studenten das Land in Zukunft nicht mehr verlassen müssen, um eine Arbeitserlaubnis für Schweden zu beantragen.
Billström sagt, die alten Regelungen verlangten den Studenten zu viel ab, die in der Folge nicht mehr nach Schweden zurückkehrten: „Es war falsch, den Ausländern zu gestatten, in Schweden zu studieren und sich hier Kompetenzen anzueignen, und sie dann aus dem Land zu drängen. Die neuen Regelungen brachten hier eine Änderung.“

Tobias Billström, Minister für Migration und Asyl, sagt: „Alle Arbeitswilligen sind hier willkommen.“ Foto: Christian Örnberg/Scanpix
Familien willkommen
Die Genehmigungen zur Ausübung der Berufstätigkeit wurden auch erweitert. Eine befristete Arbeitserlaubnis kann jetzt für die Dauer einer Anstellung oder maximal zwei Jahre gewährt werden. Nach vier Jahren kann der Arbeitnehmer die unbefristete Aufenthaltserlaubnis beantragen.
Familien sind willkommen, und der begleitende Ehegatte wird zur Arbeitssuche ermuntert. Dies ist in anderen Ländern oft nicht der Fall, aber Billström sagt, die schwedische Regierung bewerte dies positiv.
„Das System sollte so liberal wie möglich sein“, führt Billström aus. „Die Steuerung, welche Kompetenzen gebraucht werden, überlassen wir dem Arbeitsmarkt. Wer sonst als der Arbeitgeber sollte denn besser wissen, welche Qualifikationen seine Mitarbeiter mitbringen müssen. So lange die Arbeitgeber Lohn, Versicherungsschutz und Arbeitsbedingungen entsprechend den geltenden Tarifverträgen bieten, können sie anstellen, wen sie möchten.“
Einen Monat, nachdem die Änderungen in Kraft getreten waren, lagen dem Schwedischen Migrationsamt schon über 1 000 Gesuche vor. Von den 512 bereits bearbeiteten Anträgen auf Arbeitserlaubnis wurden 419 bewilligt. Die größte Gruppe der Begünstigten stammte aus Indien, die zweitgrößte aus China.

Schweden ist ein attraktives Land mit sauberer Luft, bezaubernder Natur und einer offenen Gesellschaft. Foto: Erik Hjertén.
Warum Schweden?
Neben den Arbeitsangeboten gibt es natürlich noch viele andere Gründe, nach Schweden zu ziehen. In diesem Kontext nennt Billström Schwedens saubere Luft, bezaubernde Natur, geringe Korruption* sowie organisierte und offene Gesellschaft.
Die Sprache kann im Zusammenhang mit einem Umzug nach Schweden sicherlich eine Barriere darstellen, andererseits sprechen die Schweden gut Englisch. Auch wenn es sich empfiehlt, die Landessprache zu lernen — Schwedischkenntnisse werden nicht zur Bedingung gemacht: Wer nach Schweden immigrieren will, muss keine sprachlichen Voraussetzungen erfüllen und keine Sprachprüfungen ablegen.
Mit den Worten Billströms: „Alle Arbeitswilligen sind hier willkommen.“
*Schweden, Dänemark und Neuseeland erreichten 2008 bei der Erhebung des so genannten Korruptionswahrnehmungsindex 9,3 von 10 möglichen Punkten und teilten sich damit den Spitzenrang.
www.transparency.org
Bestimmungen des Schwedischen Migrationsamtes (Migrationsverket) im Hinblick auf die Erteilung einer Arbeitserlaubnis:
Wer in Schweden arbeiten will, benötigt ein Arbeitsangebot eines Arbeitgebers in Schweden. Für den Erhalt einer Arbeitserlaubnis müssen außerdem folgende Bedingungen erfüllt werden:
- Der Arbeitnehmer muss einen gültigen Pass haben.
- Der Arbeitnehmer muss von seiner Arbeit leben können.
- Die Anstellungsbedingungen müssen den Normen schwedischer Tarifverträge oder sonstigen Berufs- oder Branchenstandards entsprechen.
- Dem jeweiligen Gewerkschaftsverband muss Gelegenheit gegeben werden, sich zu den Anstellungsbedingungen zu äußern.
- Das Stellenangebot muss in Schweden und der EU ausgeschrieben worden sein.
Cari Simmons
Die Kanadierin Cari Simmons hat den Amtsschimmel selbst zur Genüge wiehern gehört. Sie ist beeindruckt davon, wie geradlinig die schwedische Regierung mit der Arbeitskräftezuwanderung umgeht, und hofft, dass sich der Ansatz in der Praxis bewährt.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
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