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9. Mai. 2006

Stimme der schwedischen Vororte

von: Kajsa Claude, freie Autorin
Zanyar Adami ist Chefredakteur der Zeitschrift Gringo, die Vorurteile auf den Kopf stellt, indem sie die Sprache der Vororte mit einer großen Portion Humor kombiniert. Bald wird Gringo eine Schwesterpublikation, Macho, an seiner Seite haben.

Zanyar Adami, Chefredakteur von Gringo hat Vertrauen in die Zukunft. Foto: Gringo
 Zanya Adami, Chefredakteur von Gringo hat Vertrauen in die Zukunft. Foto: Gringo

Zanyar Adami gründete das Magazin Gringo, um Integration und Diskriminierung zu den Bedingungen der Vororte zu diskutieren. „Es gab eine Leerstelle im schwedischen Journalismus“, sagt er. „Eine homogene Gruppe von Journalisten verbreitete ihre stereotypen Meinungen über die Vororte, deren Bewohner und Probleme, die nichts mit der Realität zu tun hatten.“

„Humor verwenden wir als Werkzeug für den Abbau von Vorurteilen. Wenn jemand dir einen rassistischen Spitznamen verpasst, sag danke und eigne dir das Wort an, als etwas, auf das du stolz sein kannst. Wir verulken auf nette Weise stereotypes Verhalten von Leuten aus allen gesellschaftlichen Gruppen.“

Viele Eisen im Feuer

Mehr oder weniger zwei Jahre lang hat Adami nonstop gearbeitet und kaum frei genommen. Heutzutage kann er sich ein- oder zweimal spätes Aufstehen gönnen, aber es ist immer noch viel zu tun.

„Wir müssen vier oder fünf Leute für das Redaktionsteam einstellen, vor allem Projektleiter. Leute, die für uns gearbeitet haben, sind zu anderen Publikationen gegangen und das ist toll. Unser Ziel ist, dass in jeder Redaktion des Landes ein ‚Gringo‛ sitzt.“

Die Zeitschrift wird in kleinen Büroräumen in Skärholmen gemacht, mit der U-Bahn eine halbe Stunde südlich der Stadtmitte. Der Stockholmer Vorort ist die dritte Adresse in 18 Monaten und bald wird Gringo wieder umziehen müssen. Das Magazin braucht mehr Platz.

„Wir haben Svenska Dagbladet und TV4 beraten (eine große schwedische Tageszeitung und ein Fernsehkanal) und versucht, ihnen Vielfalt in allen Formen beizubringen. Kürzlich wurden wir aus Kopenhagen angerufen – wir sollen einen dänischen Gringo starten.“

Das Magazin Gringo interviewte Königin Silvia, die in den Siebzigern nach Schweden ausgewandert ist.
Das Magazin Gringo interviewte Königin Silvia, die in den Siebzigern nach Schweden ausgewandert ist

Das Schwedischsein aktualisieren

Adami möchte Gringo benutzen, um „das Schwedischsein zu aktualisieren“. Der blonde, blauäugige Schwede, der im Wald Pilze sammelt, steht nicht mehr für alle Schweden. Sie kann schwarz und braunäugig sein und im „Millionen-Häuser-Projekt“ (d.h. in den Vororten) einen Schleier tragen.

„Wir sind alle Schweden. In den Fünfzigern waren wir Gastarbeiter (und blieben bestimmt nicht), dann wurden wir Ausländer (ganz bestimmt von außen), dann Einwanderer (egal wie lange wir schon hier waren) und schließlich neue Schweden (obwohl wir schwedische Staatsbürger sind). Aber wir sind Schweden, das ist alles.“

Adami ist von Natur aus gesprächig, aber als ich ihn frage, was Schweden ihm bedeutet, ist er eine lange Zeit still. Dann sagt er in ziemlich ernstem Ton: „Ich liebe Schweden, ich bin ein richtiger Patriot. Vor allem ist Schweden und das schwedische Gesundheitswesen ein Lebensretter für mich und alle, die nicht viel Geld haben.“

Macho-Stolz

Zwei Mitarbeiter des Büros in Skärholmen arbeiten hart an der nächsten Adami-Publikation. Macho ähnelt Gringo, aber der Schwerpunkt liegt auf Gleichstellung der Geschlechter. „Wir müssen die Geschlechterrollen sowohl von Frauen als auch von Männern aktualisieren. Bei Diskriminierung  ähneln sich die  Probleme, gleichgültig ob es um die Geschlechter oder die ethnische Abstammung geht“, meint  Adami. „Gringo ist bereits klar feministisch ausgerichtet, aber wir dachten, ein separates Magazin muss her, damit das Anliegen noch deutlicher wird und bei den Leuten wirklich ankommt.“

Das Gringo-Team wird auch das offizielle Magazin für das Stockholm Pride Festival produzieren, das größte Festival seiner Art in Schweden für die  homo-, bi- and transsexuelle Community. „Das Festival und das Magazin vertreten Minderheiten in unserer Gesellschaft, es stimmt also völlig mit unserer Philosophie überein“, sagt Adami.

Vertrauen in die Zukunft

Die schwedische Regierung hat 2006 zum multikulturellen Jahr bestimmt, um die ethnische und kulturelle Vielfalt in Schweden besser widerzuspiegeln. „Dadurch wird das Interesse auf unsere Fragen gelenkt“, meint Adami, „und es ist eindeutig ein positiver Schritt, obwohl man sich fragt, was in einem Jahr erreicht werden kann. Wenigstens wird es den Leuten multikulturelle Fragestellungen bewusst machen. Und das ist eine gute Sache.“

Trotzdem ist Adami für die Zukunft optimistisch. „All das ist größer, als ich es mir jemals hätte vorstellen können. Den Stora Journalistpriset (die renommierteste journalistische Auszeichnung Schwedens) zu bekommen, war ein verdammt gutes Gefühl. Jetzt weiß ich, wie viel man mit reiner Willenskraft erreichen kann. Aber es ist nur eine Plattform für die Zukunft. Das ist nur der Anfang.“

Tatsachen

Name: Zanyar Adami
Alter: 24
Geburtsort: Saghez, Kurdistan
Familie: Eltern, Schwester und natürlich die gesamte Gringo-Redaktion
Lieblingsesse: Lasagne
Das Beste an Schweden: Jeder befolgt die Gesetze
Das Schlechteste an Schweden: Jeder befolgt die Gesetze und Vorschriften. Es gibt keine
revolutionären Kräfte.
Schwedisches Vorbild: Olof Palme. Ich bin kein Sozialdemokrat, aber er war authentisch.

Auszeichnungen

Stora Journalistpriset (2005)
Vom Verband der Schwedischen Zeitschriftenverleger zum „Newcomer of the Year“ gewählt.
Auf der Gay Gala 2006 zum „Hetero of the Year“ nominiert.
Von der jungen Redaktion des Business Magazins Att:ention auf Platz 37 der Liste über die mächtigsten in den Achtzigern geborenen Persönlichkeiten gewählt.

Drei Ratschläge von Gringo an Stockholmbesucher

1) Gefühle nur gemäßigt zeigen
2) Keine Fremden in der U-Bahn ansprechen
3) Einen Spaziergang entlang Monteliusvägen auf Södermalm machen und die unglaublichen Ausblicke auf die Stadt genießen

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Kajsa Claude ist seit fast 15 Jahren freie Autorin, vorher war sie als Grafikerin tätig. Sie hat in Portugal, Spanien, Griechenland und Südafrika gearbeitet. In ihrer Freizeit leitet sie Safaris in Südafrika, wenn sie eine Pause vom Schwedentum braucht.

Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.

Übersetzung: Margaretha Tidén

Klassifikation: A141ENa

© Foto 1: Gringo
© Foto 2: -
© Foto 3: Niclas Rydberg / Pressens Bild


 

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