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Faktenblatt TS 11

Das schwedische Schulsystem:
Lernen fürs Leben

Die schulische Bildung war in Schweden im vergangenen Jahrzehnt ein leidenschaftlich diskutiertes Thema. Dies hat unter anderem mit den Änderungen der nationalen Lehrpläne und der Organisation der Schulen zu tun. Das Schulsystem wird auch von der Migrations- und Integrationsproblematik beeinflusst. Die Schuldebatte ist sowohl ein politischer als auch ein pädagogischer Diskurs. Sie trifft den Nerv der Gesellschaft und berührt die Grundsätze der Demokratie. Das schwedische Schulsystem ist der Maxime der Gleichbehandlung
verpflichtet.

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Swedish law states that all children should have the same access to education, regardless of gender, location or socioeconomic factors.
Das schwedische Gesetz legt fest, dass alle Kinder und Jugendlichen ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Wohnorts oder sozioökonomischer Faktoren gleichen Zugang zu Bildung haben sollen
Foto: Doris Beling/Folio

Die schwedischen Vorschulen und Schulen sind einem demokratischen Auftrag verpflichtet. Dieser umfasst die Förderung des Demokrativerständnisses der Schüler, die Vermittlung grundlegender Werte und die Erziehung der Schüler zu demokratisch engagierten Bürgern. Der demokratische Auftrag räumt den Schülern – und den Lehrern – das Recht ein, auf die Lerninhalte, die schulische Umwelt und andere Aspekte des Schulalltags Einfluss zu nehmen.

Eine nationale Strategie

Im Einklang damit hat der Schwedische Reichstag 1999 eine Strategie dazu entwickelt, wie die nationalen und kommunalen Behörden sowie die Provinziallandtage das Übereinkommen über die Rechte des Kindes – die so genannte UNKinderrechtskonvention – umsetzten sollen.

Im April 2006 trat das Gesetz über das Verbot der Diskriminierung und anderer entwürdigender Behandlung von Kindern und Schülern in Kraft. In der Folge wurde den Vorschulen und Schulen die neue Aufgabe übertragen, sich aktiv um die Vorbeugung von Diskriminierung und entwürdigender Behandlung zu bemühen. Laut Gesetz müssen alle Schulen über einen Gleichstellungsplan verfügen. Dieser Plan spezifiziert, was die jeweilige Bildungsstätte dafür unternimmt, dass alle Schüler ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer ethnischen oder nationalen Herkunft, ihrer Religion oder ihres Glaubens, ihrer sexuellen Orientierung oder einer Behinderung gleich behandelt werden.

Die Ombudsperson für Diskriminierungsfragen (Diskrimineringsombudsmannen, DO) ist für die Leitlinien zur Erstellung der Gleichstellungspläne verantwortlich. Jede Schule erstellt in Kooperation mit den Lehrern, Schülern und Eltern ihren eigenen Gleichstellungsplan. Gleichstellungpläne sind ein Verfahren, die Einhaltung der UN-Kinderrechtskonvention sicherzustellen.

Rahmenbedingungen im Schulwesen

Das vom schwedischen Parlament beschlossene Schulgesetz umfasst die grundlegenden Ziele und Richtlinien für die Vorschulaktivitäten, die Betreuung von Schulkindern sowie den Pflicht- und Nichtpflichtschulunterricht. 1991 übertrug die Regierung den Gemeinden einen Großteil der Verantwortung für die Schulen.

Die 290 schwedischen Gemeinden werden entsprechend nationalen gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen verwaltet. Die kommunale Verantwortung für die Schulen fußt auf der schwedischen Verpflichtung zu Selbstverwaltung und Demokratie. Dies bedeutet, dass die Bürger nahe am Entscheidungsprozess sein und die Möglichkeit haben sollen, die Schulen mitzuprägen und an die örtlichen Bedürfnisse anzupassen. Die Aufgaben der Gemeinden umfassen unter anderem:

  • Bereitstellung von Vorschulaktivitäten und Ausbildung
  • Zielsetzungen und Entscheidungen im Hinblick auf Vorschulen und andere Bildungsinstitutionen
  • Prioritätensetzung und Mittelzuweisung
  • Ausstattung der gemeindeübergreifend tätigen Privatschulen mit Geldmitteln entsprechend der Zahl der Schüler aus der Gemeinde
  • Funktion als Arbeitgeber für Lehrer und andere Schulbedienstete

Drei neue Behörden

Seit 1. Oktober 2008 gibt es in Schweden drei neue Schulbehörden:

• Die Schulaufsichtsbehörde (Skolinspektionen) hat die Aufsicht über die Schulen des Landes und überprüft regelmäßig deren Qualität. Sie überwacht auch die Einhaltung des Gesetzes über das Verbot der Diskriminierung und anderer entwürdigender Behandlung von Kindern
und Schülern.

www.skolinspektionen.se

• Das Zentralamt für Kinderbetreuung, Schule und Erwachsenenbildung (Skolverket) liefert Informationen und verbreitet Wissen im Hinblick auf Bildungsfragen und verwaltet außerdem staatliche Gelder und Zuschüsse.

www.skolverket.se

• Das Amt für Sonderpädagogik (Specialpedagogiska skolmyndigheten) setzt sich dafür ein, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung die gleichen Entwicklungs- und Bildungschancen bekommen wie Menschen ohne Behinderung.

www.spsm.se

Änderungsvorschläge für das Schulgesetz

Im Juni 2009 präsentierte die schwedische Regierung einen Vorschlag für ein neues Schulgesetz. Es sind unter anderem folgende Änderungen vorgesehen:

• Die Schulaufsichtsbehörde bekommt mehr Möglichkeiten zur Sanktionierung von Schulen, die ihre Pflichten vernachlässigen. Das Recht der Schüler auf spezielle Unterstützung wird gestärkt. Wenn Eltern den Eindruck haben, ihr Kind erhalte nicht die nötige Unterstützung, können sie Einspruch gegen die Entscheidungen der Schulleitung erheben.

• Für Gemeinde- und Privatschulen gelten soweit wie möglich dieselben Vorschriften.

• Vorschulen werden als gesonderter Schultyp klassifiziert.

Wenn die Stellungnahme zu diesem Vorschlag abgeschlossen ist, präsentiert die Regierung im Frühjahr 2010 einen Gesetzesentwurf. Die Regierung plant, dass das neue Schulgesetz im Juli 2011 in Kraft tritt.

School is out for the day.
Von den rund 4 800 Pflichtschulen sind fast 4 200 kommunale Bildungsstätten (Stand 2007/08) Foto: Milo/99Bilder

Zehnjähriger Schulbesuch

Das schwedische Schulsystem bietet ganz unterschiedliche Schul- und Bildungsangebote an, die für Lernende unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Bedürfnissen und Fähigkeiten konzipiert sind.

Das schwedische Schulgesetz legt fest, dass alle Kinder und Jugendlichen ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Wohnorts oder sozioökonomischer Faktoren gleichen Zugang zu Bildung haben sollen. In Schweden ist die schulische Bildung kostenlos. Ausnahmen machen ein Teil des vorschulischen Angebots und die Institutionen der höheren Bildung (wobei diese teilweise staatlich finanziert werden).

Alle Kinder im Alter von sieben bis sechzehn Jahren sind gesetzlich zum Schulbesuch verpflichtet. Heute besuchen so gut wie alle Kinder im Alter von sechs Jahren die freiwillige Vorschulklasse. Dies bedeutet in der Praxis, dass die Schullaufbahn insgesamt mindestens zehn Jahre umfasst.

Sweden and Finland are the only countries in the world that serve free school lunches.
Schweden und Finnland sind weltweit die einzigen Länder, die über Mittag eine kostenlose Schulverpflegung anbieten Foto: Anette Andersson/99Bilder

Schulen für unterschiedliche Bedürfnisse

Zu den obligatorischen Schulen zählen auch die Sami-Schule, die Bildungsstätten für taube oder hörbehinderte Kinder, für Kinder mit schwerer Sprachstörung oder Sehbehinderung in Kombination mit anderen Behinderungen (specialskola) sowie die Programme für Schüler mit geistigen Behinderungen (särskola). (Zu den nicht obligatorischen Schulen gehören auch die Vorschule, die weiterführende Schule für Schüler mit geistigen Behinderungen, die kommunale Erwachsenenbildung und die Erwachsenenbildung für Menschen mit geistigen Behinderungen.)

Vorschule

Vorschuleinrichtungen stehen Kindern von ein bis fünf Jahren offen. Die Gemeinden sind verpflichtet, allen Kindern, deren Eltern erwerbstätig sind oder studieren, einen Platz bereitzustellen. Die schwedische Vorschultradition betont die Bedeutung des Spiels bei der kindlichen Entwicklung und beim kindlichen Lernen. Im Lehrplan für die Vorschuleinrichtungen wird den Interessen und Bedürfnissen der Kinder in besonderem Maße Rechnung getragen. Dem so genannten Gender Teaching kommt in schwedischen Vorschuleinrichtungen wachsende Bedeutung zu. Den Kindern soll es ungeachtet ihres Geschlechts mit Hilfe entsprechender Unterrichtsmethoden ermöglicht werden, sich zu einzigartigen Individuen zu entwickeln, die alle die gleichen Chancen haben.

Vorschulklasse und Pflichtschule

Vor dem Eintritt in die Pflichtschule muss allen Kindern zu Beginn des Herbstsemesters des Jahres, in dem sie ihren sechsten Geburtstag feiern, ein Platz in einer Vorschulklasse angeboten werden. Die Vorschulklasse ist darauf ausgelegt, die kindliche Entwicklung und das kindliche Lernen zu fördern und die Basis für die weitere Schullaufbahn zu schaffen. Nach der Vorschule beginnt die obligatorische neunjährige Grundschule mit dreijähriger Unterstufe (lågstadiet), dreijähriger Mittelstufe (mellanstadiet) und dreijähriger Oberstufe (högstadiet).

Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren können eine Betreuung vor und nach den Unterrichtszeiten in Anspruch nehmen. Diese Betreuung kann in einem Hort, einer Familientagesstätte oder innerhalb eines offenen Nachmittagsprogramms stattfinden.

Weiterführende Schule

Die weiterführende Schule (gymnasium) mit einer Vielzahl von Zügen schließt sich an die Pflichtschule an. Auch für sie werden keine Schulgebühren erhoben. Schüler, die die Oberstufe der Grundschule in den Fächern Schwedisch, Mathematik und Englisch mit der Note ausreichend abgeschlossen haben, haben Anrecht auf einen Platz an einer weiterführenden Schule. So gut wie alle Schüler, die die neunjährige Pflichtschule beenden, wechseln auf eine weiterführende Schule.

Die verschiedenen Ausbildungsprogramme der weiterführenden Schulen laufen über drei Jahre. Die Schüler können zwischen 17 unterschiedlich gelagerten Programmen wählen und qualifizieren sich mit dem erfolgreichen Abschluss für ein Hochschuloder Universitätsstudium. Sämtliche Züge umfassen acht Kernfächer: Schwedisch (bzw. Schwedisch als Zweitsprache), Englisch, Mathematik, Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, Religionslehre, Kunsterziehung und Werken, Sport und Gesundheitslehre.

Schüler, die den Übertritt an die weiterführende Schule nicht schaffen, können auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Programme absolvieren. So sollen sie schließlich in eines der nationalen Programme transferiert werden können.

Privatschulen und ihre Finanzierung

In den 1990er Jahren wurden Begriffe wie „freie Schulwahl“ und „Privatschulen“ (im Zusammenhang mit Vorschule, Pflichtschule und weiterführender Schule) geschaffen, und seither agieren die Bildungsstätten auf einem offenen Markt.

In Schweden steigt die Zahl der Privatschulen, und ein breites Angebot an Bildungsstätten wird heute als Anrecht betrachtet. Jedem Kind werden, ab der Vorschule bis zur weiterführenden Schule, finanzielle Mittel für die Ausbildung zugewiesen. Auf diese Weise unterstützt die schwedische Regierung die Etablierung von Privatschulen.

Privatschulen benötigen eine Genehmigung durch die Schulaufsichtsbehörde und müssen die nationalen Lehrund Unterrichtspläne einhalten. 9 Prozent der Pflichtschulkinder und 20 Prozent der Jugendlichen an weiterführenden Schulen besuchen eine private Bildungsstätte.

In Schweden gibt es auch einige internationale Schulen, die den Lehrplänen der Herkunftsländer ihrer Schüler folgen. Diese Bildungsstätten werden teilweise mit Mitteln der
schwedischen Regierung finanziert und sind in erster Linie für Kinder ausländischer Staatsbürger gedacht, die für einen begrenzten Zeitraum in Schweden leben.

Schüler mit besonderem Förderbedarf besuchen normalerweise die Regelklassen der neunjährigen Pflichtschule und der weiterführenden Schule. Für Schüler mit geistiger Behinderung gibt es ein spezielles Programm. Sie können entweder in eine Regelklasse integriert werden oder bilden eine sonderpädagogische Fördergruppe, die häufig in einer Regelschule untergebracht ist.


Herausgeber: Schwedisches Institut  Erscheinungsdatum: Dezember 2009

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