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2. Dez. 2005

Die Nobelwoche: Gelehrsamkeit und Glamour

von: Ingmarie Froman
Einigen wenigen ist es schnuppe, andere würden alles auf der Welt unternehmen, um einen Platz am Fest zu ergattern. Das Nobelfest am 10. Dezember in Stockholm stellt Glamour und Genie in schönster Vereinigung dar und ist der Höhepunkt einer Woche voller Ansprachen, Konferenzen und Empfänge.

König Carl XVI. Gustaf bei der Verleihung der Nobelpreise im Stockholmer Konzerthaus. In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts belief sich jeder Preis auf 10 Mio.
König Carl XVI. Gustaf bei der Verleihung der Nobelpreise im Stockholmer Konzerthaus. In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts belief sich jeder Preis auf 10 Mio. SEK. Foto: www.imagebank.sweden.se, Hans Pettersson / Nobel-Stiftung

Für die Nobelpreisträger sind die Preisverleihung und das Bankett der Höhepunkt einer stressreichen, aber prestigeträchtigen Woche in der schwedischen Hauptstadt. Wenn die Limousinen vor dem Stockholmer Konzerthaus, wo die Preisverleihung  stattfindet, zum Stehen kommen, beginnt ein wohl eingeübtes Ritual. Jede Minute ist von der zum Fest ladenden Nobelstiftung genauestens geplant.

Das Publikum nimmt seine Plätze ein und erhebt sich beim Einzug der schwedischen Königsfamilie.

Zuletzt schreiten die Hauptpersonen des Tages auf die mit Blumen, schwedischen Flaggen und einer Alfred-Nobel-Büste dekorierte Bühne. Tags zuvor ist die Zeremonie an Ort geprobt worden, so dass die Preisträger nun genau wissen, wie viele Schritte sie zurücktreten sollen, sobald sie des Königs Hand geschüttelt und Medaille mit Urkunde in Empfang genommen haben. Natürlich erhalten sie auch ein stattliches Preisgeld. In diesen ersten Jahren des 21. Jahrhunderts beläuft sich jeder Preis auf etwa 10 Millionen schwedische Kronen (ca. 1 Million Euro).

Am gleichen Tag wird gemäß Alfred Nobels Wunsch in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen. Zum Zeitpunkt seiner Testamentaufsetzung waren Norwegen und Schweden immer noch in der Schwedisch-Norwegischen Union vereint, die erst 1905 aufgelöst wurde.

„Der Pinguinberg“ – Männer in schwarzen Fräcken

Hinter den Preisträgern thront der sogenannte Pinguinberg, der aus Mitgliedern der verschiedenen Akademien besteht, welche die Gewinner auserkoren haben. Der für Männer bei diesem Festanlass obligatorische schwarze Frack ist schuld am Spottnamen „Pinguinberg“. Dieser Anzug sorgt bei den internationalen Preisträgern oftmals für Erstaunen und Verwirrung, da er ausserhalb von Skandinavien nur selten getragen wird.

Für Menschen, die revolutionierende Entdeckungen in Physik oder Medizin gemacht haben, dürfte die Kleidung eigentlich eher eine Nebensache sein. Doch entpuppt sich gerade der Frack als einer der häufigsten Problempunkte am Nobelfest.

Anekdoten über die Frackjagd der Teilnehmer sind weitverbreitet und amüsant. Ein Teil der ausländischen Gäste wendet sich an die Theater ihrer Heimatstädte, um im Requisitenlager nach Fräcken wühlen zu dürfen; andere gelangen hilfesuchend an die Schwedische Botschaft. Ein schwedischer Diplomat weiss von einem diskreten Gespräch mit einem berühmten Preisträger zu berichten, der seinen Frack in Stockholm hatte schneidern lassen wollen: Achselbreite? Taillenweite? Sollte der Hosenschlitz nach rechts oder nach links geknöpft werden?

Die Frauen sind von diesem Problem weniger betroffen, doch schreibt die Etikette für sie ein bodenlanges Galakleid vor.

Das Nobelfest – das Bankett der Bankette

Nach der Preisverleihung im Stockholmer Konzerthaus wird der Tag mit einem großen Galadiner im Stockholmer Stadthaus beendet. Das Gebäude am Ufer des Mälarsees wird jeweils zur Ehre des Abends mit Fackeln, Kerzen und Blumen festlich dekoriert. Den Blumenschmuck spendet jedes Jahr die italienische Stadt San Remo, wo Alfred Nobel 1896 verstarb.

Kronprinzessin Victoria während des Nobelpreisbanketts in Stockholm.
Kronprinzessin Victoria während des Nobelpreisbanketts in Stockholm. Foto: www.imagebank.sweden.se, Alain Benainous / IBL

„Das Nobeldiner ist das herrlichste Fest, an dem ich je teilgenommen habe“, schwärmt ein geladener Gast.

„Ballkleider rascheln, Juwelen glitzern, der Champagner sprudelt, und das ganze Stadthaus riecht nach Kerzen, Blumen und Parfüm. Das Fest ist überhaupt nicht so steif, wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern intim und großartig.“

1 300 Gäste nehmen am Galadiner teil, und sowohl das Menü als auch die Platzierung fordern eine minutiöse Planung. Bereits ein paar Wochen nach dem Nobelfest beginnt die Nobelstiftung, das Menü und die Unterhaltung für das darauf folgende Jahr zu planen: Welche Künstler sollen angefragt werden? Unter welchem Motto soll das Diner stehen? Die besten Köche Schwedens werden für die Küche engagiert und müssen all ihre Routine und Phantasie einsetzen, wenn 1300 Gäste mit Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch und exklusiven Weinen bedient werden sollen.

Wer darf am Fest teilnehmen? Nur eine geringe Zahl Gäste wird automatisch eingeladen. Jeder Preisträger hat das Recht, 16 Gäste mitzubringen. Die schwedische Königsfamilie nimmt jedes Jahr teil, der schwedische Staatsminister und andere Regierungsmitglieder meistens ebenfalls, und die Familie Nobel ist stets vertreten. Darüber hinaus soll die restliche Gästeliste Kultur und Wissenschaft in Schweden und der übrigen Welt repräsentieren.

Die Anziehungskraft des Nobelpreises ist mittlerweile so stark, dass manche zu allem bereit sind, um einen Platz am Fest zu ergattern. Länder, die selten einen Nobelpreisträger stellen, möchten, wenn sich endlich die Gelegenheit bietet, jeweils sowohl Staatsoberhäupter als auch Minister nach Stockholm schicken. All diese Menschen zu einander passend zu platzieren, verursacht natürlich einiges Kopfzerbrechen.

„In der Woche vor dem Bankett sieht der Direktionsraum der Nobelstiftung aus wie der Hauptsitz des Generalstabs in einer Feldschlacht“, meint ein Beobachter. „Tischkärtchen werden verschoben und Menschen ausgetauscht in ständigen Umdisponierungen.“

Jedes Jahr nehmen etwa 1 300 Gäste am renommierten Nobelpreisbankett im Blauen Saal des Stockholmer Rathauses teil.
Jedes Jahr nehmen etwa 1 300 Gäste am renommierten Nobelpreisbankett im Blauen Saal des Stockholmer Rathauses teil. Foto: www.imagebank.sweden.se, L. Åström

Öffentliche Vorlesungen

Die Nobelpreisträger brauchen sich nicht selbst um all die organisatorischen Details zu kümmern. Sie werden im „Grand Hotel“ gegenüber dem Königlichen Schloss einquartiert, wo eine spezielle Hotelauskunft eigens für sie eingerichtet wird, und von einem persönlichen Nobelattaché betreut, den das Aussenministerium zur Verfügung stellt.

Als einzige Gegenleistung wird vom frischgebackenen Laureaten eine öffentlich abgehaltene Vorlesung in Stockholm verlangt. Der Friedenspreisträger spricht in Oslo. Die Nobelpreisvorlesungen sind für die Allgemeinheit geöffnet und deswegen sehr geschätzt – bieten sie doch für viele die einzige Chance, die Preisträger live zu erleben.

Nach dem Nobelfest dürfen die Preisträger an einem speziellen schwedischen Winterfrühstück teilnehmen. Im Morgengrauen des 13. Dezembers bitten Lucia und ihre singenden Begleiterinnen zum Kaffee. Ganz Schweden feiert den Lucia-Tag, an dem sich junge Mädchen in leuchtend weisse Gewänder kleiden und eine Kerzenkrone auf dem Haupt tragen. Dieses Fest bildet den exotischen Schlusspunkt einer Nobelwoche, die für immer das Leben der Preisträger verändert hat.

 

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Ingmarie Froman ist freiberufliche Journalistin und war früher für das schwedische Radio und Fernsehen Auslandskorrespondentin in Brüssel und Paris.

Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.

Übersetzung: Eva Maria Hux

Klassifizierung: A121TYb


 

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