10. Dez. 2008
Im dunklen und kalten schwedischen Winter greift das Nobel-Fieber um sich. Höchste Virulenz hat es am 10. Dezember, an dem die Nobelpreise verliehen werden und das Nobelbankett stattfindet. Wie veranstaltet man eine Preisverleihung und ein Festessen für rund
1 500 Gäste? Sweden.se wirft einen Blick hinter die Kulissen.

Können Sie sich vorstellen, ein Dinner für 1 300 Gäste zu veranstalten?
Foto: Henrik Montgomery/Scanpix
Stellen Sie sich Ihre private Dinner-Party mit 10 Gästen vor. Lassen Sie den Multiplikator 150 wirken. Addieren Sie die Angehörigen der schwedischen Königsfamilie, Regierungsvertreter, die Mitglieder der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die Preisträger mit ihren Begleitern und noch ein paar Personen von Rang und Namen. Spüren Sie den Druck?
Dieses Jahr werden rund 1 500 Personen der Nobelpreisverleihung beiwohnen und anschließend 1 300 Gäste das Bankett genießen. Kein Wunder, dass die Menüplanung mehrere Monate vor dem so genannten Nobeltag beginnt.
Jonna Petterson, Pressereferentin der Nobelstiftung, sagt: „Planung, Planung und nochmals Planung: Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Um einen reibungslosen Ablauf gewährleisten zu können, versuchen wir, für alles gewappnet zu sein — vom kleinsten Ausrutscher bis zum GAU.“
Geheimniskrämerei
Hinter den Kulissen bereiten Hunderte von Menschen Unmengen an Essen vor. Auf der Einkaufsliste für eines der Nobelbankette der vergangenen Jahre standen unter anderem 2 692 Hühnerbrüstchen, 475 Hummerschwänze, 100 Kilo Kartoffeln, 70 Liter süß-saure Himbeeressig-Sauce und 67 Kilo Topinambur.
Drei Tage vor dem Dinner wird mit der Zubereitung der Speisen begonnen. Am letztjährigen Bankett arbeiteten 20 Chefköche, und das Servicepersonal umfasste 200 Mitarbeiter. Die über 60 Tische im Stockholmer Rathaus waren mit 7 000 Geschirrstücken, 5 000 Gläsern und 10 000 Stücken Tafelsilber gedeckt — alles minuziös von weiß behandschuhten Händen aufgelegt.

Das Nobelbankett ist eine förmliche Angelegenheit. Sogar die Farbe der Handschuhe ist festgelegt. Foto: Frida Hedberg/Scanpix
Auch dieses Jahr wird das Bankettmenü bis zum 10. Dezember geheim gehalten. Enthüllt werden kann allerdings, dass die Gäste ein skandinavisch angehauchtes Gedeck erwarten dürfen. Und ganz der Tradition gemäß wird auch das diesjährige Dreigängemenü mit einer „Dessertparade“ abgerundet. Verraten werden darf außerdem, dass die in den 1920er bis 1940er Jahren oft als Vorspeise servierte Schildkrötensuppe auch dieses Jahr kein Comeback feiern wird.
Judith Black nahm am letztjährigen Bankett teil: „Das Essen wurde seinem Ruf wirklich gerecht. Offenkundig will man die besten schwedischen Zutaten auf fantasievolle Weise präsentieren. Da man fast vier Stunden am Esstisch sitzt, sind alle glücklich, wenn der nächste Gang aufgetragen wird.“
Maria Backelin arbeitet bei Profilrestauranger, einem Unternehmen, das Speisen für das Nobelbankett liefert. Sie meint, die größte Schwierigkeit bestünde darin, „logistisch alles so hinzubekommen, dass das Essen frisch und warm serviert werden kann“.
Reine Nervensache
Alle Tische sind gleichermaßen elegant gedeckt, und alle 1 300 Gäste bekommen das gleiche Essen, ob sie nun Nobelpreisträger oder studentische Gäste sind. Zum Nobelbankett werden jährlich 200 Studierende eingeladen. Einer von ihnen wird mit dem Einverständnis der Nobelstiftung vom Stockholmer Verband der Studentenwerke zum Toastmaster ernannt. Dieser stellt die Redner vor und sorgt dafür, dass sich alle Gäste wohlfühlen.
„Vor ein paar Jahren war der Toastmaster so nervös, dass er ohnmächtig wurde“, erinnert sich Backelin. „Nicht nur ein Mal, sondern zwei Mal.“
Louise Hägerstedt gibt zum dritten und letzten Mal den studentischer Toastmaster. Sie hofft natürlich, dass es ihr nicht genauso ergeht.
„Sobald im Oktober die Namen der Preisträger bekanntgegeben werden, fange ich mit der Planung an“, sagt sie. „Im Hinblick auf Preisträger, deren Muttersprache nicht Englisch oder Schwedisch ist, kontaktiere ich Übersetzer, die mir mit einleitenden Worten in den jeweiligen Sprachen und deren Artikulation helfen. Dann ist alles eine Frage des Einstudierens. Ich versuche, bis zum Tag der Festlichkeiten jeden Tag eine Probe einzulegen.“

Die am Bankett teilnehmenden Studierenden müssen eine strenge Kleiderordnung einhalten — ob sie nun Gäste oder Mitarbeiter sind.
Foto: Henrik Montgomery/Scanpix
Die Nobelfeier ist eine förmliche Angelegenheit, und die Studierenden, die am Bankett arbeiten, müssen eine bestimmte Kleiderordnung einhalten. Studentinnen tragen ein schwarzes Abendkleid, schwarze Schuhe, weiße Handschuhe und die traditionelle schwedische Studentenmütze. (Die Studentenmütze geht auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Heute wird sie von Gymnasiasten getragen, wenn sie im Frühling ihren Schulabgang feiern.)
„Das Abendkleid ließ ich mir maßanfertigen. Die Studentenmütze stellte auf jeden Fall die größere Herausforderung dar“, sagt Hägerstedt. „Die Kleiderordnung verlangt eine makellose, saubere und weiße Studentenmütze ohne jegliche Dekoration. Als Absolventin des Stockholmer französischen Gymnasiums war meine Mütze mit der Trikolore geschmückt. Ich kann Ihnen sagen, es ist gar nicht so leicht, im Monat November eine Studentenmütze aufzutreiben.“
Blüten in Hülle und Fülle
Die Gärtnerei Hässelby Blommor ist seit 34 Jahren für den Blumenschmuck an der Nobelpreisverleihung verantwortlich. Wie in den Jahren zuvor, werden auch an der diesjährigen Preisübergabe Tausende von Blumen die Atmosphäre visuell und olfaktorisch bereichern.
„Einen edleren Auftrag als diesen kann man nicht bekommen“, sagt Helén Magnusson von Hässelby Blommor, die der Nobelstiftung bereits im Juni ihre Vorschläge unterbreitet.
„Ich gehe von einem Begriff und einer Form oder Farbe aus. Oft geht es darum, eine Empfindung zu wecken. Dann wähle ich Blumen, die am besten zum Thema passen. Es ist wichtig, dass die Pflanzen und Arrangements im Fernsehen gut aussehen. Das ist einer der schwierigsten und wichtigsten Aspekte, die ich bei meinen Vorbereitungen berücksichtigen muss.“
Die Blumen treffen fünf bis sechs Tage vor der Preisverleihung ein und Magnusson muss sich mit ihren Mitarbeitern ordentlich ins Zeug legen, um alles pünktlich zu arrangieren. Aber selbst bei der besten Planung kann etwas schiefgehen. „Jedes Jahr gibt es Pannen“, sagt die Floristin. „Mal bekommen wir Blumen in der falschen Farbe geliefert, mal ist die Lieferung verspätet.“
Judith Black hat für den diesjährigen Nobeltag alternative Dinner-Pläne geschmiedet. „Für alle, die nicht zum engsten Kreis der Gäste gehören, kostet das Bankett 1 700 SEK (165 EUR). Deshalb begnüge ich mich mit der Preisverleihung im Konzerthaus; dort ist der Eintritt frei. Dann gehe ich nach Hause und schaue mir das Bankett im Fernsehen an.“
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Der Nobelpreis
Seit dem Jahr 1901 wird der Nobelpreis für bedeutende Leistungen auf den Gebieten der Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur und Friedensarbeit vergeben. Der Nobelpreis ist eine internationale Auszeichnung; sie wird von der Nobelstiftung in der schwedischen Hauptstadt Stockholm verwaltet. Im Jahr 1968 schuf die Schwedische Nationalbank den Preis für Wirtschaftswissenschaften der Schwedischen Nationalbank in Gedenken an Alfred Nobel, dem Stifter des Nobelpreises. Alle Preisträger erhalten eine Urkunde, eine Goldmedaille und einen Geldbetrag.
nobelprize.org
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Cari Simmons
Die freie Autorin Cari Simmons zog vor vielen Jahren von Kanada nach Schweden. Sie liebt die Nobelfeierlichkeiten und all die andern schwedischen Traditionen, die den dunklen Wintermonat Dezember aufhellen.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A278TY
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