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Geschäftswelt - Offen für Neues.
 
19. Dez. 2006

Geschäftsetikette in Schweden

von: Anders Porter, freier Autor
Der Schlüssel zum Geschäftserfolg heißt: gewusst wie. Und natürlich sind in jedem Land andere Kniffe zu beachten. Anders Porter kramt in der schwedischen Trickkiste und schildert einige Besonderheiten des Geschäfts- und Arbeitslebens in Schweden.

Machen Sie sich vor Ihrem beruflichen Aufstieg mit der schwedischen Geschäftslandschaft vertraut.
Machen Sie sich vor Ihrem beruflichen Aufstieg mit der schwedischen Geschäftslandschaft vertraut. Foto: Henrik Trygg / www.imagebank.sweden.se 

Schweden ist mit nur neun Millionen Einwohnern relativ schwach bevölkert. Trotzdem spielt das Land auf der Bühne der internationalen Geschäftswelt eine wichtige Rolle. Die weltweiten Erfolge von Unternehmen wie Volvo, Saab und Ikea illustrieren, dass schwedisches Management durchaus effektiv ist.

Doch schwedisches Management und schwedische Geschäftskultur unterscheiden sich in mancher Hinsicht von denen anderer Länder: Sie sollten sich also mit den Geschäftssitten in Schweden bekannt machen, bevor Sie das schwedische Business-Parkett betreten.

Entspannte Atmosphäre

Eine lockere Atmosphäre kennzeichnet die Art und Weise, wie die Menschen bei der Arbeit miteinander umgehen. Anreden wie  „Herr Doktor“ oder auch nur „Herr“ oder „Frau“ gehören der Vergangenheit an – im Klassenzimmer ebenso wie im Sitzungssaal. Schüler und Lehrkräfte, Patienten und Ärzte, Arbeitnehmer und Arbeitgeber nennen sich beim Vornamen.

Die Arbeitskleidung ist oft konservativ, aber leger. Bei der Arbeit trägt man gern Sandalen oder Tennisschuhe, die für den Heimweg gegen festeres Schuhwerk getauscht werden.

An vielen schwedischen Arbeitsplätzen ist salopp top.
An vielen schwedischen Arbeitsplätzen ist salopp top. Foto: Henrik Trygg / www.imagebank.sweden.se

Althea Boman, Lehrerin und Geschäftsfrau aus Örebro, die vor 15 Jahren aus den USA nach Schweden zog, erinnert sich, dass sie ziemlich perplex war, als sie am Arbeitsplatz Sandalen sah: „In den Vereinigten Staaten ist keiner an Ihren Zehen interessiert, wie gut gepflegt Ihre Füße auch sein mögen. Ich habe eine Weile gebraucht, mich daran zu gewöhnen.“

Ein Wort wird zur Devise

Das schwedische Wort „lagom“ lässt sich kaum in andere Sprachen übertragen. „Lagom“ bedeutet so viel wie „genau richtig“ oder „nicht zu groß und nicht zu klein“ bzw. „nicht zu viel und nicht zu wenig“ – und passt eigentlich immer. Aber „lagom“ ist viel mehr als nur ein Wort. Es ist ein Konzept.

Das „Lagom“-Konzept bzw. die „Lagom“-Mentalität findet man auch im schwedischen Geschäftsleben: Statt sich mit unnötigen Dingen auseinanderzusetzen, konzentrieren sich sowohl Arbeitnehmer als auch viele Arbeitgeber lieber darauf, genau – und gut – das zu machen, was nötig ist. Es ist für Ausländer manchmal schwierig, diesen Ansatz zu verstehen.

„Ich hatte Mühe, das ‚Lagom‘-Konzept zu begreifen“, sagt Ben Campbell, der vor vier Jahren von Australien nach Schweden kam. „Ich kann mich erinnern, dass ich einen Arbeitskollegen bei einer Aufgabe fragte, wie viel Zeit ich dafür einkalkulieren solle. Er antwortete ‚lagom‘-lange und ging fort. Ich weiß bis heute nicht, was er meinte.“

Bestimmte schwedische Ausdrücke sind verzwickt – können aber sehr nützlich sein, wenn man sie begriffen hat.
Bestimmte schwedische Ausdrücke sind verzwickt – können aber sehr nützlich sein, wenn man sie begriffen hat. Foto: Henrik Trygg / www.imagebank.sweden.se 

Kurzer Dienstweg

Schwedische Unternehmen sind in der Regel weniger hierarchisch organisiert als Betriebe in vielen anderen Ländern. Der Firmenchef ist für seine Angestellten also eher verfügbar. Die innerbetriebliche Weisungskette ist kürzer, im Allgemeinen können sich die Angestellten mit Kommentaren, Fragen und Anliegen direkt an ihren Chef wenden.

In Schweden gehört die Mehrheit der Arbeitskräfte einer oder sogar mehreren Gewerkschaften an. Wegen der starken Präsenz der Gewerkschaften sind die Arbeitsbedingungen in Schweden wesentlich besser als in vielen anderen Ländern. Gleichstellung und Arbeitsplatzsicherheit sind äußerst wichtig, und die Arbeitnehmervereinigungen engagieren sich dafür, dass die Menschen sich an ihrem Arbeitsplatz aufgehoben und geschützt fühlen.

Bei Entscheidungen und Problemlösungen liegt den schwedischen Arbeitnehmern sehr an Kompromissen und an Konsens. Im Allgemeinen ist es erwünscht, Strategien und Ideen zunächst offen auf allen Ebenen zu diskutieren.

Der typische Schwede will sich nicht von der Masse abheben oder alleiniger Entscheidungsträger in einem Unternehmen sein. Dies gibt den Betriebsangehörigen zwar ein behagliches Gefühl, kann aber auch zu langen Entscheidungsprozessen führen.

Geheiligte Pause


Stören Sie einen Schweden niemals bei seiner Kaffeepause.
Stören Sie einen Schweden niemals bei seiner Kaffeepause. Foto: Henrik Trygg / www.imagebank.sweden.se 

Ein Wort, das jeder kennen muss, der in Schweden arbeiten oder mit einem Unternehmen Geschäfte machen will, ist „fika“ – die Pause zum Kaffeetrinken und zum Plaudern. „Fika“-Pausen sind in Schweden heilig und werden gewöhnlich zwei- bis dreimal täglich zelebriert. Wundern Sie sich also nicht, wenn Kollegen oder Geschäftspartner wegen Koffeinzufuhr unabkömmlich sind.

Pünktlichkeit ist den Schweden sehr wichtig, besonders im Geschäftsleben. Schwedische Arbeitnehmer kommen und gehen also gewöhnlich ohne Verspätung – und halten ihre „fika“ zu festgesetzten Zeiten. Viele Schweden legen großen Wert auf ihr Privatleben und machen deshalb nur Überstunden, wenn es wirklich unvermeidlich ist.

Ob Sie nun eine „lagom“ Tasse Kaffee während einer „fika“-Pause trinken oder im Büro Sandalen tragen – indem Sie dem schwedischen Arbeits- und Geschäftsstil Aufmerksamkeit schenken, tragen Sie dazu bei, dass Ihre Geschäftserfahrungen mit den Schweden erfreulich und fruchtbar werden.

Kleiner Ratgeber für Ihren Erfolg

  • Lernen Sie Schwedisch. Obwohl in schwedischen Unternehmen häufig Englisch gesprochen wird, kann es nicht schaden, so viel Schwedisch wie möglich zu lernen. Auch wenn Sie nur vorübergehend mit einer schwedischen Firma zu tun haben, kommen ein paar schwedische Brocken oder Sätze immer gut an.
  • Machen Sie sich mit den schwedischen Steuergesetzen vertraut. Sich mit den Steuerregeln auseinanderzusetzen und den Papierkram in den Griff zu bekommen, ist das A und O für einen erfolgreichen Start – besonders dann, wenn Sie in Schweden ein Unternehmen gründen möchten.
  • Seien Sie pünktlich. Erscheinen Sie rechtzeitig und halten Sie den Zeitplan ein.
  • Handeln Sie vorausschauend. Sorgen Sie dafür, dass sich Ihre Kollegen oder Geschäftspartner auf eine Besprechung oder einen Auftrag vorbereiten können.
  • Seien Sie stark. Stellen Sie sich auf die bürokratischen Hürden ein, die Sie überwinden müssen, wenn Sie als Unternehmer oder Arbeitnehmer Erfolg haben möchten.
  • Geben Sie sich Zeit. In Schweden kann es genauso schwierig sein wie in anderen Ländern, sich einen Kundenstamm aufzubauen. Seien Sie geduldig, halten Sie einen Alternativplan bereit und/oder sorgen Sie für eine weitere Einnahmequelle.
  • Drängen Sie nicht. Geschäftsbeziehungen aufzubauen, erfordert nun mal Zeit. Auch Schweden sind weniger offen für neue Ideen und Pläne, wenn Sie den. Eindruck haben, dass ihnen etwas aufgezwungen werden soll.
  • Geben Sie nicht an und prahlen Sie nicht. Schweden sind im Allgemeinen bescheiden und vermeiden es, ihre Fähigkeiten an die große Glocke zu hängen.
  • Seien Sie nicht respektlos. Selbstverständlich und sehr wichtig: Respektieren Sie Ihre Kollegen oder Geschäftspartner. Denken Sie sich sowohl in die schwedische Kultur als auch in die Arbeitsethik hinein. Seien Sie aufmerksam und erfassen Sie eine Situation, bevor Sie handeln.

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Anders Porter lebt im etwa 230 km westlich von Stockholm gelegenen Grythyttan. Er ist freier Autor, Texter, Übersetzer und Englisch-Trainer.

Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.

Übersetzung: Stefanie Busam Golay

Klassifizierung: A170TY

© Fotos 1–4: Henrik Trygg / www.imagebank.sweden.se


 

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