7. Mrz. 2008
Wie wendet man das Schicksal einer finanziell angeschlagenen Grenzstadt im hohen Norden Schwedens? Man eröffnet eine Ikea-Filiale! Die Niederlassung des Einrichtungskonzerns hat eine Investitionswelle ausgelöst, die Arbeitslosigkeit drastisch gesenkt, für eine Verdoppelung der Hauspreise gesorgt und der Stadt ein neues Selbstwertgefühl verliehen.

Ikea-Gründer Ingvar Kamprad stellt bei der Einweihung des Möbelhauses von Haparanda-Tornio seine Sägefertigkeiten unter Beweis. Foto: Ikea
Noch Anfang unseres Jahrzehnts verließen die jungen Leute das hundert Kilometer südlich des Polarkreises an der finnischen Grenze gelegene Haparanda, um ihre Existenz woanders aufzubauen.
„Die Stimmung war nicht schlecht, aber man strotzte nicht gerade vor Optimismus“, erklärt der Herausgeber der örtlichen Zeitung „Haparandabladet“ Örjan Pekka. „Viele Geschäftsleute hatten wahrscheinlich vor, ihr Unternehmen mit der eigenen Pensionierung zu schließen. Man hatte nicht wirklich Visionen für die Zukunft.“
Aber die Ankündigung, dass Ikea in Haparanda eine Filiale eröffnen wolle, wurde im Juni 2005 euphorisch aufgenommen. Die Menschen tanzten buchstäblich in den Straßen. „Es hatten schon früher Gerüchte kursiert, aber niemand wagte dem Gerede Glauben zu schenken“, sagt Pekka. „Den Leuten war klar, was die Ikea-Niederlassung für ihre Zukunft bedeuten würde.“
Glaubensbekenntnis
Wegen seiner nördlichen Lage wurde Haparanda von Außenstehenden immer als Ende der Welt angesehen. „Wenn lokale Vertreter Händler davon überzeugen wollten, eine Filiale in Haparanda zu eröffnen, obsiegte der Mythos des menschenleeren Nordschwedens. Und was hat es schon für einen Sinn, in eine Gegend zu investieren, in der angeblich kaum Menschen leben?“, sagt Pekka.

Eine Million Leute leben sechs Autostunden von Haparanda entfernt. Im Umkreis von rund 500 Kilometern sind bereits viele große Unternehmen präsent.
Die Entscheidung von Ikea kam einer Vertrauenserklärung gleich. Wenn Haparanda gut genug ist für den weltgrößten Einrichtungskonzern, ist die Stadt gut genug für jedermann.
„Glücklicherweise erkannte Ingvar Kamprad [Ikea-Gründer, Anmerkung der Redaktion], dass die Leute sich beim Geschäftsbummel aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von Landesgrenzen aufhalten lassen“, sagt Pekka. „Statt Haparanda als schwedische Peripherie zu betrachten, sah Kamprad es als Zentrum eines viernationalen Marktes.“
Nordische Kreuzung
Die Idee, an Ikea heranzutreten, hatte Haparandas Bürgermeister Sven-Erik Bucht. Er bestürmte Kamprad — angeblich der viertreichste Mann der Welt — auf einer Konferenz in Stockholm und betete ihm zehn Minuten lang seine Argumente vor.
„Ich zeigte ihm eine Karte von Schweden, aber umgedreht — mit dem Norden an ihrem unteren Ende“, sagt Bucht, den die schwedische Zeitschrift „Fokus“ 2007 für sein Engagement zur Entwicklung der Region zum „Schweden des Jahres“ ernannte.
„Auf der Karte wurde deutlich, dass Haparanda-Tornio das Herz der Barentsregion ausmacht [s. Faktenkasten rechts, Anmerkung der Redaktion]. Es dauerte ein Jahr. Dann begriffen die Entscheidungsträger, dass es hier um einen internationalen Standort geht, dass Haparanda-Tornio eine Zwillingsstadt in zwei Ländern ist, die Menschen aus Schweden, Finnland, Norwegen und dem Nordwesten Russlands anzieht.“

Haparandas Bürgermeister Sven-Erik Bucht war die treibende Kraft hinter der Ikea-Etablierung in der Stadt. Foto: Pia Hanzi
Buchts Hauptargument war, dass eine Million potenzielle Käufer sechs Autostunden von Haparanda entfernt leben. Vielen von uns mag allein die Vorstellung, sechs Stunden im Auto zu sitzen, um Bücherregale oder Besteck zu kaufen, die Shopping-Lust gründlich verderben. Die Bevölkerung im hohen Norden kann das aber nicht schrecken: Bevor Ikea nach Haparanda kam, verkehrten Linienbusse von Kiruna zum nächstgelegenen Ikea-Geschäft im 860 Kilometer entfernt gelegenen Sundsvall.
Schon auf Expansionskurs
Mit ihren 10 300 Einwohnern war es für die Stadt ein wahrer Triumph, Ikea dazu zu bewegen, sich an diesem für das Unternehmen atypischen Standort zu etablieren. Selbst wenn man die Bewohner von Tornio auf der finnischen Seite der Grenze dazurechnet, leben hier nur rund 33 000 Menschen, weshalb sich der Ikea-Vorstand — abgesehen von Kamprad — anfänglich gegen die Niederlassung aussprach.
Aber heute ist der Parkplatz des Ikea-Geschäfts von Haparanda überfüllt mit Autos aus Schweden, Finnland, Norwegen und Russland. Der Laden musste sogar schon erweitert werden, um die Nachfrage befriedigen zu können.
Eine neue Ära
Im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurde die Grenze zwischen Schweden und Finnland immer bedeutungsloser. Diese Entwicklung wurde noch beschleunigt, als die beiden Länder 1995 Mitglieder der EU wurden. Haparanda und Tornio verschmolzen langsam zu einer Stadt. Heute können Eltern ihre Kinder dies- und jenseits der Grenzlinie zur Schule schicken; Feuerwehren und Rettungsdienste arbeiten zusammen; man hat ein gemeinsames Heizungssystem, und die Touristbüros wurden zusammengelegt.

Eine neue Perspektive: Die umgedrehte Sicht auf Schweden verdeutlicht die zentrale Lage der Zwillingsstadt Haparanda-Tornio in der Barentsregion.
Der „Ikea-Effekt“ wirkte unmittelbar: Bereits eine Woche nach der Ikea-Zusage hatte die Gemeinde Erschließungsflächen im Wert von über 60 Million SEK (6,5 Millionen EUR) verkauft. Bis heute, zweieinhalb Jahre später, wurden in Haparanda ungefähr 1 Milliarde SEK investiert, und 150 000 Quadratmeter Ladenfläche sind entweder schon bebaut oder verplant. Die Arbeitslosenquote ist von 12 auf 4,7 Prozent gesunken, und die Hauspreise haben sich verdoppelt.
Der Herausgeber der Lokalzeitung meint, dass die Ikea-Eröffnung für Haparanda eine neue Ära eingeläutet hat. „Die Atmosphäre in der Stadt hat sich verändert. Vor vier oder fünf Jahren schämten sich sicher noch viele Jugendliche dafür, aus Haparanda zu sein. Heute ist Haparanda ganz schön angesagt.“
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David Wiles, Redakteur des Magazins „Sweden Today“, wird sicher nicht in der Ikea-Niederlassung von Haparanda einkaufen: Er lebt 1 600 Kilometer von Haparanda entfernt am anderen Ende Schwedens, und ihm reicht schon die vierzigminütige Fahrt zum Malmöer Ikea-Geschäft.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A235TY
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