16. Nov. 2006
Zusammen mit zwölf weiteren erwartungsvollen Hummerfang-Aspiranten besteige ich an einem windigen Oktobertag das Fischerboot LL 44 Marie. Wir lassen den Lärm der Großstadt hinter uns, um in der rauesten Gegend der schwedischen Westküste den Kampf gegen die Elemente aufzunehmen.

Zahnarzt Anders Sjölin hat als Erster Hummer in seiner Korbreuse. Foto: Marcus Nyberg
Die Fischer Tommy und Martin Olofsson – eingespieltes Vater-Sohn-Gespann – wollen es uns Landratten möglich machen, das schwarze Gold der Region Bohuslän an Land zu ziehen: Hummer. Denn in den Fischgewässern von Smögen, einer 135 km nördlich von Göteborg gelegenen Insel, ist der Hummerfang wahrlich kein Kinderspiel.
Außer mir suchen vier Zahnärzte mit ihren Frauen sowie vier Freunde, die einen 50. Geburtstag feiern, den Nervenkitzel auf See. Trotz des schlechten Wetters sind alle bester Laune. Wegen des starken Wellenganges stehen wir auf wackligen Beinen: Während uns der Schlagregen ins Gesicht peitscht, werden wir auf dem Boot hin- und hergeworfen. Aber so wirkt alles ein bisschen authentischer – Hummerfang bei Sonnenschein über dem Skagerrak wäre ja auch zu behaglich.
Vor den Erfolg hat Neptun …
Wir müssen nicht weit fahren, bis wir den ersten Hummerkorb an Bord ziehen können. Nach ein paar anstrengenden Minuten liegt die Falle an Deck. Und ja – im Korb regt sich etwas.
Allerdings stellt sich schnell heraus, dass sich zwei Krabben vom Geruch der Makrelen, die als Köder ausgelegt worden waren, in die Korbreuse locken ließen. Die störrischen Tiere haben überhaupt keine Lust ihren neuen Spielplatz zu verlassen – sie wollen uns vielmehr unter Einsatz ihrer Scheren „ein Schnippchen“ schlagen.
Tommy Olofsson, unser erfahrener Chef-Hummerfänger, ist ein Mann der Tat und zeigt uns zimperlichen Städtern, wie man die Krabben aus dem Korb zupft. Dann legen wir neue Köder in die Reuse und fahren hoffnungsvoll weiter.

Plötzlich schaut über Birgitta und Anders Sjölin die Sonne aus den Wolken hervor. Foto: Marcus Nyberg
… den Schweiß gesetzt
Jetzt darf Zahnarzt Anders Sjölin einen Korb an Deck ziehen. Aber die Hummerfalle hat sich in der Tiefe verfangen. Sjölin beißt die Zähne zusammen und spannt die Muskeln an. Schließlich gelingt es ihm, die Reuse zu befreien und nach oben zu befördern. Die Spannung steigt.
Die Mühe hat sich gelohnt: In der Falle sitzen zwei schwarz gepanzerte Gefangene, ein Männchen und ein Weibchen. Da das Weibchen Rogen unter dem Schwanz trägt, muss es allerdings wieder in die Freiheit entlassen werden – das ist Vorschrift.

Tommy Olofsson freut sich, dass der Hummer länger als 8 cm ist und nicht ins Wasser zurückgesetzt werden muss. Foto: Marcus Nyberg
Hauptsache Natur
Lars-Göran Wallberg, Pelle Norén, Lars-Göran Wärnström und Rikard Sande sind aus ganz verschiedenen Regionen Schwedens angereist, um auf Smögen Wallbergs fünfzigsten Geburtstag zu feiern.
„In der freien Natur zu sein, ist das Wichtigste“, meint Jubilar Wallberg. „Es macht einfach riesigen Spaß, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Wie viele Hummer im Korb landen, ist nicht so wichtig – solange ich mehr fange als meine Freunde …“
Lars Nyqvist ist der gleichen Meinung: „Eine perfekte Gruppenaktivität für Freunde. Jeder, der nicht so schnell seekrank wird, kann eine solche Fahrt mitmachen.“
Während einer Kaffeepause auf einem felsigen Inselchen hält Kapitän Martin Olofsson eine kurze Geschichtsstunde und legt ein Geständnis ab: Hummer sei nicht sein Lieblings-Krebstier. „Am besten schmecken mir Garnelen. Die passen als Frühstück, Mittagsmahlzeit und Abendessen“, beichtet Olofsson. Beim Gedanken an diese Delikatesse läuft uns allen das Wasser im Mund zusammen.
Kampf bis zum bitteren Ende
Im letzten der vierzehn an Deck gehievten Körbe spielte sich ein erbitterter Kampf ab: Ein 1,5 kg schwerer Hummer schlitzte seinen Mitgefangenen auf. „Hummer haben es nicht leicht“, sagt Tommy Olofsson und bestattet das unterlegene Tier in der See.

Hummer haben raue Umgangsformen. Deshalb bindet man ihre Scheren mit Gummibändern zusammen. Foto: Marcus Nyberg
Nach vier Stunden geht das Abenteuer zu Ende, und die LL 44 Marie wird an ihrem Ankerplatz unter der Smögen-Brücke festgemacht.
Der Nachmittag gab uns sowohl einen Eindruck von der wilden Westküste als auch Einblick in den Alltag der Fischer. Und natürlich lernten wir eine ganze Menge über die Krebstiere, die wir bis dahin nur in der Auslage schicker Lebensmittelgeschäfte gesehen hatten. Der Hummerfang war ein einzigartiges Erlebnis für mich und die anderen Safari-Teilnehmer, für die Olofssons hingegen ist er Alltagsgeschäft. „Unsere Safaris sind bis Mitte November ausgebucht“, sagt Tommy Olofsson, „wenn Interesse besteht, machen wir aber bis Ende des Jahres weiter.“
Hätten Sie’s gewusst?
- Hummer (Homarus gammarus) gab es schon vor 300 Millionen Jahren, also bereits zur Zeit der Dinosaurier.
- Der Hummer versteckt sich tagsüber und jagt nachts.
- Hummer sind Allesfresser. Manchmal ernähren sie sich auch von ihren Artgenossen.
- Hummer können 3–5 kg schwer und 22–70 cm lang werden. Aber Exemplare mit einem Gewicht von über 1 kg sind ziemlich selten.
- Der Rogen des Hummerweibchens besteht aus cirka 20 000 Eiern. Aber nur aus 0,25 ‰ der Eier werden adulte Tiere.
- Der Hummer kann über 50 Jahre alt werden.
Quelle: Svenska Hummerakademien (Schwedische Hummerakademie)
Interessantes zum Hummerfang
- Der Hummerfang ist nur zwischen dem ersten Montag nach dem 20. September und dem 30. April erlaubt.
- Hummer dürfen ausschließlich in speziellen Hummerkörben gefangen werden.
- Die Korbreusen werden gewöhnlich mit Heringen oder Makrelen beködert.
- Hummer, die kleiner als 8 cm sind, müssen ins Wasser zurückgesetzt werden. Gemessen wird entlang des Rückens, und zwar von der Augenhöhle bis zum Ende des Panzers.
Quelle: Svenska Hummerakademien (Schwedische Hummerakademie)
Rezept: Gekochter Hummer
1 Hummer
2 l Wasser
1,5 dl Salz
1 Glas Bier
Gießen Sie Wasser, Salz und Bier in einen Topf und kochen Sie die Flüssigkeit auf. Legen Sie den Hummer mit dem Kopf nach unten in das Gefäß und kochen Sie ihn sechs Minuten lang. Nehmen Sie den Topf von der Herdplatte. Legen Sie den Hummer in eine Plastikschüssel, begießen Sie ihn mit dem warmen Sud und lassen Sie ihn cirka zwei Stunden ziehen. Nehmen Sie den Hummer, der sich inzwischen rot gefärbt hat, aus der Flüssigkeit. Teilen Sie ihn und entfernen Sie Magen und Gedärme.
Quelle: Fredrik Andersson, Sea Lodge
Was meinen Sie zu diesem Artikel?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Als Marcus Nyberg kürzlich von Stockholm nach Göteborg zog, wurde ihm bewusst, dass der Hummerfang an der Westküste ebenso wichtig ist wie die Elchjagd in anderen Regionen Schwedens.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A167TY
© Fotos 1-4: Marcus Nyberg
Weiterführende Links
Publikationen zum Thema
Copyright : © Dieser Text wurde vom Schwedischen Institut (SI) auf der Homepage
www.sweden.se veröffentlicht. Sämtliches Material auf dieser Seite unterliegt dem schwedischen Urheberrecht und darf ohne vorherige schriftliche Genehmigung des
webmaster@sweden.se nicht vervielfältigt, übertragen, gezeigt, veröffentlicht oder ausgestrahlt werden. Die Verwendung von Fotos und Illustrationen in anderen Zusammenhängen ist nicht gestattet.
Weitere Informationen zu Urheberrecht und Genehmigungen.