10. Okt. 2008
Schweden ist für sein funktionales und klares Design bekannt — und für seine designbewusste Bevölkerung. Seit Kurzem gibt es mit „Designgalleriet“ in Stockholm einen neuen Wallfahrtsort für die Freunde von Form und Fashion.

Bei „Designgalleriet“ möchte man Ausstellungen machen, die die Besucher berühren und anregen. Schwarze Schaumstoffröhren ermöglichen eine flexible Einteilung der Ausstellungsfläche. Foto: Jonas Lindström
Inspiriert von internationalen Ausstellungsräumen wie denjenigen von „Vessel“ in London und „Moss“ in New York, wurde Mitte August mit „Designgalleriet“ die erste Stockholmer Galerie eröffnet, die sich ganz dem Design verschrieben hat. Als einer der Initiatoren der Galerie hat der Trendanalytiker Stefan Nilsson hohe Ambitionen:
„Wir versuchen, in Schweden etwas Neues zu schaffen und die Designszene zu bereichern“, sagt Nilsson. „Wir wollen gleichermaßen Werke junger Designer und Erzeugnisse etablierter und kommerzieller Designfirmen zeigen.
Stockholm ist eine dynamische Designstadt und hat mehrere Galerien für Design. Ausstellungsstätten wie ‚Gallery Pascale‘ und ‚Crystal Palace‘ sind und bleiben wichtig, aber ‚Designgalleriet‘ soll natürlich besonders einflussreich werden.“
Üppiges Herbstprogramm
Das Interieur von „Designgalleriet“ schuf „Form Us With Love“, ein Stockholmer Industriedesign-Studio. Schwarze Schaumstoffröhren, die an der perforierten Decke an Haken aufgehängt sind, funktionieren als Raumteiler. Designer Petrus Palmér erläutert das Konzept: „Weil man in ‚Designgalleriet‘ sämtliche Arten von Design zeigen will, war es unser Hauptziel, einen besonders flexiblen Raum zu schaffen, der an die jeweilige Ausstellung angepasst werden kann.“
In der Galerie werden zweiwöchige Ausstellungen zu sehen sein, in denen Mode, Industrie- und Innendesign ebenso präsentiert werden wie Kunsthandwerk und grafische Kunst. Das Herbstprogramm umfasst Ausstellungen schwedischer Designer wie Jantze Brogård Asshoff, Monica Förster, Lisa Bengtsson, Ulrika Mårtensson und Margot Barolo sowie im Dezember eine internationale Ausstellung zu japanischem Design.
„Designgalleriet“ hat das Konzept, die ganze Bandbreite des Designschaffens zu zeigen. So ist Lisa Bengtssons Musterdesign dort ebenso zu sehen wie der Tobii-Computer-Bildschirm, der den diesjährigen „Stora Designpriset“ gewann. Fotos: Lisa Björner und www.designgalleriet.com
Stora Designpriset
Anlässlich der jährlichen Verleihung des Preises „Stora Designpriset“ (Großer Designpreis) durch „Teknikföretagen“ (die Branchen- und Arbeitgeberorganisation der Technikunternehmen), „Svensk Form“ (Schwedische Gesellschaft für Kunsthandwerk und Design) und „Stiftelsen Svensk Industriedesign“ (Stiftung für schwedisches Industriedesign) war in der zweiten Septemberhälfte in „Designgalleriet“ die gleichnamige Ausstellung zu sehen.
Mit dem Designpreis werden Firmen ausgezeichnet, die Design dazu nutzten, ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihren Wirtschaftserfolg zu steigern.
„Tobii Technology“ aus Stockholm wurde der Preis im Frühling dieses Jahres für die Entwicklung eines Computer-Bildschirmes verliehen, der durch „Ablesen“ der Augenbewegungen des Nutzers scrollt. Weil der Bildschirm über die „Augenkontrolle“ eine Interaktion mit dem Computer ermöglicht, wird er oft als Kommunikationsgerät für Behinderte eingesetzt.
Die übrigen Produkte, die für den Designpreis nominiert waren, stammen aus völlig anderen Anwendungsbereichen, darunter waren Schutzhandschuhe von „Ejendals“, ein Skihelm von „POC“ und ein intravenöser Katheter von „Becton Dickinson“.
Gutes Design = Gute Geschäfte
Laut Dan Nyman von „Teknikföretagen“ ist Design in Schweden ein wichtiges Instrument zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. „Für große Firmen — besonders diejenigen, die Konsumgüter erzeugen — gehört Design ganz selbstverständlich zum Produktions- und Geschäftsprozess“, sagt Nyman. „Aber viele kleine und mittlere Unternehmen haben das Potenzial von Design noch nicht erkannt und wissen nicht, wie sie es zu einem Teil des Geschäftsprozesses machen können.“
Nyman erhofft sich, dass die Auszeichnung „Stora Designpriset“ in mindestens dreierlei Hinsicht Wirkung auf das schwedische Gewerbe hat: dass sie nämlich ein Schlaglicht auf konkrete Erfolgsgeschichten wirft, dass sie die Ertragskraft von und die Wettbewerbsvorteile durch Design hervorhebt und dass sie verdeutlicht, wie ein Unternehmen die — zuweilen schwierige — Aufgabe bewältigen kann, Design in den Geschäftsprozess einzubinden.
Das Vermessungsgerät „Trimble S6 Totalstation“ und der intravenöse Becton-Dickinson-Katheter „Venflon pro safety“ waren 2008 Finalisten beim „Stora Designpriset“. Fotos: www.designgalleriet.com
„Die Implementierung von Design in den Geschäftsprozess kann problematisch sein“, sagt Nyman. „Für Unternehmen ist es schwierig zu kalkulieren, ob sich eine Designinvestition auszahlt. Auch erweisen sich manchmal der Wettstreit und die kulturellen Differenzen zwischen Ingenieuren und Designern als hinderlich.“
„Stora Designpriset“ unterscheidet sich insofern von anderen Auszeichnungen, als bei diesem Preis die Schnittstelle zwischen Design und Handel im Mittelpunkt steht. „Wer diesen Designpreis haben möchte, muss wirtschaftlichen Erfolg durch Design nachweisen“, erläutert Nyman. „‚Nur gutes Design im Sinne von Ergonomie, Funktionalität und Ästhetik zu schaffen, genügt nicht. Das Design muss auch erkennbar Profit generieren.“
Kultur des Designs
Während „Designgalleriet“ der Allgemeinheit Design näher bringen und das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung von Design im Alltagsleben schärfen will, unterstreicht „Svensk Form“ die Bedeutung von Design als Aspekt der schwedischen Kultur.
So initiierte die Schwedische Gesellschaft für Kunsthandwerk und Design kürzlich eine Zusammenarbeit mit „Arkitekturmuseet“, dem Schwedischen Architekturmuseum. Ewa Kumlin, Geschäftsführerin bei „Svensk Form“, erwartet in naher Zukunft eine Entscheidung der schwedischen Regierung im Hinblick auf eine Mandatserweiterung des Architekturmuseums in Sachen Verantwortung für Designfragen.
„Wir sind der Auffassung, dass die Allgemeinheit diese größere Arena für Architektur, Form und Design braucht“, sagt Kumlin. „Das Interesse ist ganz zweifellos groß.“
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Charlotte West
Die in Stockholm lebende amerikanische Autorin und selbsternannte Designfachfrau Charlotte West schrieb für britische Zeitschriften wie Icon und Varoom über Designthemen.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A267TY
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