8. Apr. 2008
Dass José González’ Konzert im Stockholmer Veranstaltungszentrum Cirkus ausverkauft war, überraschte niemanden. Der bekannte schwedische Liedermacher spielt derzeit ständig vor vollem Haus! Auch das heimische Publikum reist in Scharen an, sobald der Singer-Songwriter in Schweden auftritt – nicht zuletzt deshalb, weil González im vergangenen Jahr nur ein paar wenige seiner zig Konzerte auf heimischem Boden gab.

José González während einem seiner wenigen Auftritte in Schweden. Foto: Pauline Benthede/Rockfoto
González wirkt fast schüchtern, wenn er eilig seinen Platz auf der Bühne ansteuert. Der Applaus, mit dem er begrüßt wird, ist höflich und dezent, aber lang anhaltend. Das Publikum ist ein bunt gemischter Haufen – von elegant gekleideten Mittfünfzigerinnen bis zu modebewussten Jugendlichen mit angesagten Ponyfrisuren und Röhrenjeans.
González zupft zart die Saiten seiner Gitarre und beginnt zu singen. Zurückhaltend präsentiert der Künstler seine bezaubernde Musik. Die Lieder sind ruhig und bewegend gleichermaßen. González’ Stimme ist ein eigenes Instrument, sie bestimmt die Songs in wehmütigen, harmonischen Zyklen.
Auch nach dem Erfolg seines ersten Albums, Veneer, scheint die Begeisterung für González nicht abzuklingen. Im Herbst 2007 veröffentlichte der Musiker sein zweites Album, In Our Nature, und zerstreute damit jeglichen Verdacht, er habe womöglich einen einmaligen Hit gelandet. Auf der neuen Platte ist die Gitarre noch intensiver und der Klang noch voller als früher.

Die Verkaufszahlen für Gonzalez’ zweites Album In Our Nature lassen auf eine Erfolgsserie des schwedischen Singer-Songwriter schließen.
„Auf dem neuen Album wollte ich klassische Liedstrukturen mit Strophen und Refrain verwenden“, sagt González. „Bei Veneer hatte ich mich bemüht, gewöhnliche Singer-Songwriter-Stücke zu vermeiden. Das Ergebnis waren Liedkonstruktionen, die sich auf Wiederholungen gründeten.“
Vom Laboratorium auf die Bühne
José González erblickte als Sohn argentinischer Eltern 1978 in Göteborg das Licht der Welt. Als Jugendlicher war er ein eifriger Skateboarder. Schon als Teenager war González musikbegeistert und zupfte in mehreren Hardcore-Punk-Bands die Klampfe. Kein Wunder, dass die ein oder andere Augenbraue gehoben wurde, als der einst kompromisslosen Punkrock spielende Gitarrist neue Saiten aufzog und sanftere Töne anschlug.
„Das Studium belegte meine Zeit mit Beschlag, und gleichzeitig tat sich nicht besonders viel bei den Bands, mit denen ich spielte“, sagt González. „Da ich die Musik aber nicht aufgeben wollte, schienen Gitarre und Gesang die ideale Kombination.“
Im Jahr 2001 brachte die Plattenfirma Kakofon González’ Solo-Single mit den Stücken Hints und Deadweight on Velveteen heraus. Die Scheibe ist heute ein heiß begehrtes Sammlerstück.

González zögerte nicht lange, als er sich zwischen dem Leben als Akademiker oder Musiker entscheiden musste. Foto: Fredrik Egerstrand
Das Universitätsstudium mündete in eine Doktorarbeit in Biochemie, und González stand an einem Scheideweg: Sollte er Akademiker bleiben oder Musiker werden? González meint, die Entscheidung sei ihm recht leicht gefallen, erwartete er sich in der Musikwelt doch ein vergnügteres Leben als in der Wissenschaftswelt. 2003 erschienen in Schweden die Single Crosses und das Album Veneer. Bald verbrachte González mehr Zeit bei Auftritten als im Labor. Zwei Jahre später erschien die Platte Veneer, die von der schwedischen Kritik begeistert aufgenommen worden war, in anderen Ländern Europas und in den USA.
Auch als Untermalung ideal
José González räumt ein, dass sein Erfolg teilweise damit erklärt werden kann, dass einer seiner Songs für einen Sony-Werbefilm benutzt wurde.
„Für mich war es wichtig, dass die Fernsehwerbung ästhetisch ansprechend war und meine Musik auf geschmackvolle und harmonische Weise eingesetzt wurde“, erklärt González. „Und ich finde, das war wirklich der Fall. Ich freute mich natürlich auch darüber, dass Sony mir – einem relativ unbekannten Indie-Musiker – den Vortritt vor einem Künstler aus der eigenen Plattenfirma gab.“
Es sollte sich zeigen, dass González’ melancholische, nachdenkliche Lieder auch emotionale Momente in amerikanischen Fernsehserien wie The OC und One Tree Hill perfekt untermalen konnten.

Gonzalez' sanfte Melodien stoßen weltweit auf offene Ohren. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er die Klampfe in der nächsten Zeit nicht an den Nagel hängen, um seine auf Eis gelegte Karriere als Molekularbiologe fortzuführen. Foto: Fredrik Egerstrand
Für González macht es einen großen Unterschied, ob seine Musik in Werbefilmen oder in Fernsehserien eingesetzt wird:
„Es ist mir nicht so wichtig, an welcher Serie ich beteiligt bin. Ich hätte nichts dagegen, bei einer Fernsehserie involviert zu sein, die nicht zu meinen Lieblingssendungen gehört. Werbefilme sind eine etwas heiklere Sache. Es wird doch für so viele Dinge geworben, die man im Grunde genommen gar nicht braucht. Vielleicht wäre die Welt ohne Werbung eine bessere“, meint González.
Bewährtes gekonnt neu aufgemischt
José González’ Version des The-Knife-Stückes Heartbeats ist bei weitem nicht sein einziger erfolgreicher Cover-Song. Zu Beginn seiner Karriere waren Love Will Tear Us Apart und Born in the USA regelmäßige Konzertnummern. Später hüllte González Kylie Minogues Hand on Your Heart in traumhafte Gitarrenklänge. Die Sängerin war so begeistert, dass sie Can’t Get You Out of My Head im Duett mit González einspielte. Die erste Single-Auskopplung aus seinem neuen Album ist eine Cover-Version der bewegten Massive-Attack-Ballade Teardrops.
„Es ist wohl der Entertainer in mir, der so viel Spaß an Cover-Versionen hat“, meint González. „Sie sind tolle Stimmungsmacher bei Live-Auftritten. Außerdem bin ich ein extrem langsamer Komponist“, gesteht der Musiker lachend.
„Heartbeats ist ein wichtiger Teil meiner Geschichte. Weil es zu den Lieblingsstücken des Publikums gehört und auch ich es immer noch wundervoll finde, spiele ich das Lied bei jedem Auftritt. Bei der Entscheidung für oder gegen eine Cover-Version war der Text immer besonders wichtig. Und ich habe stets versucht, keine Lieder nur mit Gitarre und Singstimme zu nehmen.“
Beim Cirkus-Konzert werden González’ sanfte Melodien von einem Conga-Spieler und einer Sängerin begleitet. Aber es ist González’ einfaches, ungekünsteltes Gitarrenspiel, das trägt und dauerhaften Eindruck hinterlässt. González ist der lebende Beweis dafür, dass es möglich ist, gegen den Strom zu schwimmen und die Grenzen des modernen Pop zu sprengen.
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Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A238TY
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Aleksander Kovacevic
Aleksander Kovacevic ist freier Journalist in Stockholm. Er arbeitet ebenso für die öffentlich-rechtliche Fernsehgesellschaft Schwedens (SVT) wie für Dutzende Hochglanzmagazine. Kovacevic ist vermutlich ein heimlicher Fan von José González' Nebenprojekt Junip.
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