25. Nov. 2008
Der schwedische Autor und Dramatiker Jonas Hassen Khemiri steht kurz vor dem ganz großen internationalen Durchbruch. Sein jüngster Export ist das Stück Invasion!, das sich auf heitere und gleichzeitig aufwühlende Weise mit Themen wie Identität, Rasse und Sprache beschäftigt.

Jonas Hassen Khemiri macht seit seinem Debüt im Jahr 2003 großen Eindruck als Romancier und Dramatiker. Foto: Sandra Qvist/Scanpix
„Invasion! ist eine Studie über die Sprache und deren Macht. In dem Bühnenwerk geht es auch um den Treuebegriff und darum, wie Treue interpretiert und kommuniziert wird“, sagt Khemiri. Andere zentrale Themen des Stücks sind Identität und Ethnizität.
Nachdem Khemiri seine Karriere als Romancier begonnen hatte, wollte er einen neuen Erzählstil finden und entwickelte mit Invasion! eine neuartige Ausdrucksform.
Als das Bühnenwerk 2005 in Schweden uraufgeführt wurde, war es sofort ein Riesenerfolg. Jetzt erobert Invasion! auch Europa. In Deutschland läuft das Stück bereits, die norwegische Uraufführung steht kurz bevor. Mitte November bekam die junge Regisseurin Lucy Kerbel die Chance, bis März 2009 eine englische Version für das Soho Theatre in London zu produzieren, und im kommenden Jahr wird das Stück auch in Frankreich aufgeführt.
Schockierendes Erstlingswerk
Im Jahr 2003 schockte Khemiri — Sohn eines Tunesiers und einer Schwedin — die Literaturwelt mit seinem Debütroman Das Kamel ohne Höcker (Ett öga rött).
In diesem Buch begegnen die Leser Halim, einem Teenager, der um seine ethnische Identität ringt. Obwohl er in Stockholm zur Welt kam, fühlt sich Halim wegen seiner marokkanischen Eltern als Außenseiter.
„Ich glaube nicht, dass die Welt auf immer und ewig kulturell gespalten ist. Für mich gibt es keine einfachen Erklärungen für die Identität eines Menschen. Deshalb habe ich ja auch so viel über dieses Thema geschrieben. Ich bekomme zum Beispiel oft zu hören, dass ich entscheiden müsse‚ auf welcher Seite‘ ich stehe, und dass ich mich entweder als Tunesier oder als Schweden bezeichnen solle. Aber das werde ich nicht tun. Ich habe eine nordafrikanisch-schwedische Identität“, sagt Khemiri.
Bestseller sorgt für Rummel hoch zwei
Mit Das Kamel ohne Höcker unterbreitete Khemiri der Öffentlichkeit eine neue Form der Literatur, die nicht nur das literarische Schweden, sondern ganz einfach das Land insgesamt zur Kenntnis nehmen musste.
Khemiri verwendete Sprachmuster, die an das Schwedisch vieler Zuwanderer erinnern. Er bediente sich einer Satzstruktur und Grammatik, die nicht immer den Regeln des Standardschwedischs entsprechen.
Mit einem Mal schien die gesamte Nation etwas über Khemiri und sein Buch zu sagen zu haben. Eines der heiß diskutierten Themen war die Frage, ob es „angebracht“ oder „verantwortungsvoll“ war, ein Buch zu schreiben — und dann sogar noch zu veröffentlichen —, das eine Parodie (so die einen) oder Verherrlichung (so die anderen) des „Immigranten-Schwedischs“ sei.
Das Kamel ohne Höcker ging in Schweden mehr als 200 000 Mal über den Ladentisch und wurde 2004 zum meistverkauften Taschenbuch. Im Jahr 2007 kam die Verfilmung des Romans in die schwedischen Kinos.

Der auf Khemiris Debütroman basierende Film Das Kamel ohne Höcker war 2007 im Kino zu sehen. Foto: Nina Varumo/Scanpix
„Ich hab es wirklich satt, über Das Kamel ohne Höcker zu sprechen“, sagt Khemiri. „Natürlich ist es toll, Anerkennung für seine Arbeit zu bekommen. Aber um dieses Buch wurde ein Riesenrummel gemacht, und es rief viele starke und oft negative Reaktionen hervor.
Gleichzeitig ist es natürlich interessant, dass Sprache und Wörter für solche Reaktionen sorgen können. Das politische, subversive Potential der Sprache hat mich schon immer fasziniert.“
Fünf Mal Gott spielen
Fünf Mal Gott (Fem gånger gud) ist Khemiris neues Bühnenwerk. Es wurde im Oktober 2008 uraufgeführt und ist seither in vielen schwedischen Städten zu sehen.
In dem Stück geht es um Rolf, einen Schauspiellehrer, der ein paar Gymnasiasten dazu bringen will, August Strindbergs klassisches Ein Traumspiel (Ett drömspel) einzuüben und aufzuführen. Die Schüler wollen aber nichts mit Strindberg zu tun haben und möchten lieber Gott spielen und auf der Bühne ihre eigenen Träume ausdrücken.
„Es hat mir wirklich furchtbar viel Spaß gemacht, Fünf Mal Gott zu schreiben. In diesem Stück hat die Sprache die Hauptrolle“, sagt Khemiri.
Großes Kritikerlob für Roman Nummer zwei
In seinem zweiten Roman Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen (Montecore: en unik tiger) stellt Khemiri Betrachtungen darüber an, inwiefern es unmöglich ist, eine einfache Version der Lebensgeschichte eines Vaters zu schreiben, der seine Familie im Stich ließ. Das 2006 veröffentlichte Buch bekam großes Kritikerlob.
„Ich muss schon sagen, dass ich auf Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen besonders stolz bin. Als ich die Arbeit an dem Roman beendete, hatte ich das Gefühl, wirklich etwas vollbracht zu haben. Seit ich vor fünf Jahren mein erstes Buch veröffentlichte, hat sich in meinem Leben viel getan. Ich erlebe mich heute als Autor ganz anders als damals.“

Jonas Hassen Khemiri meint, in seinem Stück Fünf Mal Gott habe die Sprache die Hauptrolle. Sein Bruder Hamadi Khemiri spielt in der schwedischen Produktion eine der „Nebenrollen“. Foto: Paul Hansen/Scanpix
Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen gewann mehrere Preise, darunter Sveriges Radios Romanpris, den Hörerpreis des Schwedischen Rundfunks für den besten Roman des Jahres 2007. In der Begründung der Jury hieß es „Montecore, ein Tiger auf zwei Beinen ist ein zauberhaftes, melancholisches, aber auch sehr lustiges Buch, in dem Schweden auf ganz besondere Weise dargestellt wird …“
Khemiris Werke wurden vom Schwedischen in mehrere andere Sprachen übertragen, so ins Deutsche, Englische, Französische und Niederländische.
Drei Traumberufe
„Dieses Jahr werde ich dreißig, und ich habe angefangen, die Tagebuchaufzeichnungen aus meinen Jugendjahren durchzusehen“, erzählt Khemiri. Als Teenager hatte ich drei Traumberufe: erstens, ein berühmter DJ zu werden, zweitens, ein Rechtsanwalt zu werden, der für das Recht ‚des Volkes‘ kämpft, und drittens, ein Schriftsteller zu werden. Ich schätze mal, behaupten zu dürfen, mir meinen Traum erfüllt zu haben.“
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Tsemaye Opubor Hambraeus
Tsemaye Opubor Hambraeus ist schwedisch-amerikanische Freelance-Journalistin. Sie lebt in Stockholm und verbringt jede freie Minute damit, die vielen Antiquariate und Second-Hand-Buchläden der schwedischen Hauptstadt nach interessanten Büchern zu durchforsten.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
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