6. Feb. 2009
Ein aufstrebendes Wohnkunstwerk ersetzt den Hafenkran als Ikone; die Helling wurde zu einem Skatepark der Weltklasse; und die Eröffnung eines neuen nationalen Museums für moderne Kunst lässt nicht mehr lange auf sich warten: Die Verwandlung Malmös vom tristen Zentrum der Schwerindustrie zur angesagtesten Stadt Schwedens ist perfekt.
Die Wolken über Malmö – einst vom Rauch aus den Schornsteinen der Schwerindustrie durchsetzt – werden jetzt von einem Kunstwerk angekratzt. Fotos: Close-up: Gerry Johansson/Linkimage. Turning Torso: Peter Westrup/Folio.
Noch vor 15 Jahren erlebten die Besucher die Nachbarin Kopenhagens am schwedischen Ufer des Öresund als stolze Arbeiterstadt, die so ihre Schwierigkeiten damit hatte, den Rückgang der Schwerindustrie zu verkraften. Ein Viertel der Bevölkerung der schonischen Stadt war erwerbslos, das Stadtzentrum kam immer mehr herunter und – was das Ganze noch schlimmer machte – die Fußballmannschaft Malmös war aus der höchsten Spielklasse verdrängt worden.
Heute boomt die drittgrößte Stadt Schwedens. Rakel Chukri ist als Kulturredakteur bei Sydsvenskan tätig, der wichtigsten Zeitung von Malmö. Er sagt: „Die Region Malmö ist im Moment die interessanteste schwedische Gegend. Vielen Schweden ist Malmö immer noch nicht ganz geheuer. Sie meinen, die Stadt sei von Bandenkriegen geprägt. Aber immer mehr meiner Journalistenkollegen in Stockholm bekennen, dass Malmö einfach hip ist – ein schwedisches Berlin gewissermaßen.“
Malmö = innovative Kunst + Kultur
Stockholm wartet zwar mit bekannten Kunstgalerien auf und lockt Popstars von Weltruhm an, aber Malmö ist die Hauptstadt für innovative Kunst und Kultur. „Letzten Freitag war ich auf einem Fest in einer ehemaligen Wursthüllen-Fabrik“, erzählt Chukri. „In der alten Anlage finden jeden Monat Veranstaltungen statt, die Hunderte von Leuten anziehen. Bei einigen Gläsern Bier zum Sonderpreis hören die Besucher Hip-Hop und schauen Straßenkünstlern beim artistischen Schlagabtausch zu. Diese nonkonformistischen Veranstaltungen gehören einfach zum Malmöer Kulturleben dazu. Wie Berlin, Hamburg und Barcelona fasziniert auch Malmö mit einer Mischung aus Etabliertem und Alternativem.“
Inzwischen hat sogar das Establishment Malmö seinen Segen erteilt: Das Stockholmer Museum für Moderne Kunst, zu dessen Schätzen Werke von Picasso, Dalí und Matisse gehören, schafft mit Moderna Museet Malmö eine Art Dependance, die Malmö endgültig den Ruf einer Kulturstadt internationalen Ranges einbringen wird.

Der Künstler Ulf Hedetoft meint, die Malmöer Kunstszene sei einmalig in Schweden. Foto: Ulf Hedetoft
Verjüngungskur
Die Verwandlung der abgewrackten Industriestadt in ein angesagtes postindustrielles Kulturzentrum begann 1998 mit der Eröffnung der Universität Malmö. Ilmar Reepalu, Bürgermeister von Malmö und treibende Kraft hinter der Erneuerung, sagt: „Das Wichtigste war, junge Leute hierher zu bekommen. Sie haben die Grundlage für eine wiederbelebte Stadt mit neuen Cafés, Theatern und Musikbühnen geschaffen. Wir brauchten die 20 000 Studierenden, um das Image von Malmö und die Atmosphäre der Stadt zu verändern.“
Die Universität verhalf Malmö zu einer eindrucksvollen demografischen Verjüngung. Malmö gehört nun nicht mehr zu den Städten, deren Bevölkerung ein besonders hohes Durchschnittsalter aufweist, sondern vielmehr zu den Orten, deren Einwohner ein auffällig niedriges Durchschnittsalter haben: Die Hälfte der 285 000 Malmöer ist jünger als 35 Jahre.
Hoch hinaus
Und natürlich ist da auch noch Turning Torso. Der faszinierende Wolkenkratzer, den der spanische Architekt und Bildhauer Santiago Calatrava entwarf, ist das wohl größte Kunstwerk Skandinaviens.
Das Wohnhochhaus füllt die Lücke, die der Kockumskran hinterließ, als er nach fast drei Jahrzehnten demontiert und nach Südkorea verfrachtet wurde. Reepalu meint: „Der Kran war das Symbol einer äußerst wettbewerbsfähigen Industriestadt. Nach seinem Abbau wurde Turning Torso, in dem nur erneuerbare Energien verbraucht werden, zum neuen Wahrzeichen Malmös.“
Stadt der Zukunft
Der Künstler Ulf Hedetoft lebt am Fuße des Turning Torso im Hafengebiet Västra Hamnen. „Als ich jung war, herrschte im Zentrum von Malmö meistens Grabesstille. Wenn man an einem Samstag auf dem Hauptplatz stand, konnte man das Echo seiner eigenen Stimme hören. Das ist heute völlig anders – die ganze Stadt pulsiert vor Leben.“

Im Wolkenkratzer Turning Torso werden nur erneuerbare Energien verbraucht. Foto: Johnér Bildbyrå AB/Platform
Hedetoft meint, die Malmöer Kunstszene sei einmalig in Schweden, und zieht den Vergleich zu Berlin. Er sagt: „Stockholm hat natürlich große Galerien, aber die Kultur hier ist einzigartig dynamisch. Vielleicht sind die Malmöer besonders kulturhungrig?“
Der Künstler wirft einen Blick auf das weiße Hochhaus, das sich vor dem Fenster in den Himmel windet: „Turning Torso ist ein Meisterwerk. Und es kommt einem Statement gleich. Es erklärt: ‚Ihr werdet schon sehen, wir sind im Aufbruch. Dies ist eine Stadt der Zukunft!‘.“
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David Wiles
David Wiles ist ein in Südschweden lebender britischer Journalist. Er liebt Hip-Hop-Klänge in alten Wurstfabriken, hat aber etwas Mühe, freitagsabends einen Babysitter zu finden.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A283TY
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