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18. Jan. 2008

Neues Profil für das schwedische Kunsthandwerk

von: Charlotte West
Im 20. Jahrhundert ging es vor allem um Funktionalität, aber jetzt wird das schwedische Design umdefiniert. Die neue Designer-Generation schafft Objekte, die die traditionelle Form und Funktion entfremden, und verwischt so die Grenzen zwischen Kunst, Design und Kunsthandwerk.
Reflektieren über das zeitgenössische schwedische Kunsthandwerk: Åsa Jungnelius und Anders Ljungberg. Reflektieren über das zeitgenössische schwedische Kunsthandwerk: Åsa Jungnelius und Anders Ljungberg.
Reflektieren über das zeitgenössische schwedische Kunsthandwerk: Åsa Jungnelius und Anders Ljungberg. Foto 1: Fina Sundqvist. Foto2: Privat

Der Silberschmied Anders Ljungberg und die Glaskünstlerin Åsa Jungnelius verbinden Konvention mit Innovation. Obwohl sie mit traditionellen Materialien und Techniken arbeiten, schaffen sie Objekte, die überraschen und provozieren – Reflexionen über die moderne schwedische Kunsthandwerksszene.

Innovative Tradition

Silber und Glas waren für Generationen schwedischer Kunsthandwerker die Materialien der Wahl. Silber war lange ein Symbol für Wohlstand und hohen Status, während man aus Glas anfänglich Haushaltsartikel und erst später Kunstwerke schuf.

Mit der im frühen 20. Jahrhundert beginnenden modernistischen Tradition, in der man sich verstärkt auf die Funktion und den Zweck der Objekte konzentriert, habe die Herstellung von Schmuckgegenständen, die die gesellschaftliche Stellung ihrer Eigentümer widerspiegeln sollten, an Bedeutung verloren, meint Ljungberg. Der Designer folgt der modernistischen Silberschmiedetradition, oft allerdings auf ganz unerwartete Art und Weise.

„Tin“ und „Bowl“ (2003) von Anders Ljungberg. „Tin“ und „Bowl“ (2003) von Anders Ljungberg.
 „Tin“ und „Bowl“ (2003) von Anders Ljungberg. Foto: Håkansson / Mannberg

Mit der zunehmenden Massenproduktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Verschmelzung von Kunst und Gewerbe zur Überlebensstrategie der Glashersteller. Dass man vor allem auf die Ästhetik und weniger auf die Funktion fokussierte, ebnete den Weg für Designschaffende wie Jungnelius, die von ihren Werken sagt, dass sie „Funktionen kommentieren, aber nicht besonders funktional sind“.

Grauzone

Ljungberg und Jungnelius können nicht wirklich kategorisiert werden. Ljungberg arbeitet als Silberschmied, kooperiert aber auch mit dem schwedischen Haushaltswarenhersteller Boda Nova, für den er Besteck und andere Küchenutensilien entwirft. Die Glaskünstlerin Jungnelius ist auch als Designerin für den schwedischen Glashersteller Kosta Boda tätig. Die Grenze zwischen „Designer“ und „Künstler“ verschwimmt immer mehr, und die Zuordnung ist weitgehend zu einer Frage der Selbstdefinition geworden.

Ljungberg sieht sich als Designer und Silberschmied und weniger als Künstler. Er meint, dass Design für viele Unternehmen nicht so sehr etwas Konzeptionelles sei, sondern vielmehr etwas, das mit Aussehen und Form zu tun habe. Aber durch seine Tätigkeit für ein Unternehmen kann Ljungberg ein größeres Publikum erreichen und herausfinden, wie die Menschen auf seine Werke reagieren.

Jungnelius versteht sich in erster Linie als Künstlerin und sagt: „Es gibt vermutlich viele Menschen, die weitaus bessere Designer abgeben, als ich das tue. Aber ich kann mit etwas anderem aufwarten: Ich habe eine ästhetische Sprache und Geschichten, die ich mit Hilfe meiner Objekte erzählen will. Das muss ich nun mit einem Warenbereich in Übereinstimmung bringen.“

Mit Objekten wie diesen riesigen Lippenstiften aus Glas (2006) ergründet Åsa Jungnelius das Verhältnis zwischen Konsum und Identität.
Mit Objekten wie diesen riesigen Lippenstiften aus Glas (2006) ergründet Åsa Jungnelius das Verhältnis zwischen Konsum und Identität. Foto: Fina Sundqvist

Unsichtbare und provozierende Formen

Ljungberg und Jungnelius hinterfragen die Art und Weise, wie wir mit Gegenständen umgehen. Durch ihre Werke kommentieren sie die Welt.

Ljungberg schafft Alltagsgegenstände, spielt aber mit deren Funktion, indem er Details verändert oder vertauscht, indem er die erwartete Ordnung infrage stellt. „Ich hinterfrage mit meinen Arbeiten vorgefasste Meinungen über alltägliche Gegenstände“, sagt Ljungberg.

„Jug Looking for New Views“ ist einer von Ljungbergs Favoriten. Mit dieser Arbeit will Ljungberg uns dazu anregen, über die Rolle nachzudenken, die Objekte in unserem Leben spielen. Der Griff des Gefäßes schiebt sich über die Tischkante und unter die Tischplatte, als würde er dort etwas suchen. „Da unten ist etwas los. Die Kanne führt ein Eigenleben unter dem Tisch“, sagt Ljungberg.

„Jug Looking for New Views“ (2005) von Anders Ljungberg.
„Jug Looking for New Views“ (2005) von Anders Ljungberg. Foto: Håkansson / Mannberg

Jungnelius interessiert sich dafür, inwiefern Objekte provozieren können. Mit ihren Werken stellt sie zur Debatte, warum nur mit bestimmten Formen gespielt werden darf. Zu ihrer studentischen Abschlussarbeit gehörte der phallusförmige Kerzenständer „Storstake“.

„Es handelt sich um eine ästhetische Form, die tabu ist“, sagt Jungnelius. „Ich finde es interessant zu erkunden, welcher Formen man sich bedienen darf und warum gewisse Dinge provozieren, andere aber nicht.“

Jungnelius differenziert zwischen ihrem rein künstlerischen Schaffen und ihrer Tätigkeit für Kosta Boda. „‚Storstake‘ ist natürlich schon ein Kerzenständer, aber eben nicht wirklich funktionstüchtig“, sagt sie. „Die eigentliche Funktion dieses Kerzenständers ist das Infragestellen. Jetzt muss ich den Aspekt des Hinterfragens mit der Funktionsfähigkeit in Einklang bringen. Ich kann zum Beispiel mit ganz traditionellen Techniken einen Teller entwerfen, mache ihn aber nicht ganz rund, sodass der Benutzer das Objekt mit anderen Augen sieht.“

„Storstake“ (2006) von Åsa Jungnelius.
„Storstake“ (2006) von Åsa Jungnelius. Foto: Fina Sundqvist

Zeitgenössische Kunsthandwerksszene

Sowohl Ljungberg als auch Jungnelius beobachten eine Veränderung in der schwedischen Kunsthandwerksszene. Da Kunsthandwerker in zunehmendem Maß konzeptionell und experimentell arbeiten, werde es immer schwieriger, zwischen Bildender Kunst und Kunstgewerbe zu unterscheiden.

Ljungberg sagt, den Schönen Künsten sei lange Zeit ein höherer Status zugeschrieben worden als dem Kunstgewerbe. „Aber“, so Ljungberg, „das heutige schwedische Kunsthandwerk ist im Umbruch. Die Kunsthandwerker werden eigenwilliger – und finden Zuspruch.“

Jungnelius sieht dies ähnlich und meint, dass die Kunsthandwerker sich der Bildenden Kunst immer mehr annähern. „Bislang wurde im Kunstgewerbe typischerweise mit Materialien experimentiert. Inzwischen geht es aber darum, sich auszudrücken und die Zeit, in der man lebt, zu kommentieren“, sagt sie. 
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Die in Stockholm lebende amerikanische Autorin Charlotte West schrieb für Design-Zeitschriften wie „Icon Magazine“ und berichtet über Design-Themen für „The Local – Sweden's News in English“. Nach ihren Gesprächen mit Anders Ljungberg fragt sich Charlotte West, ob ihre Haushaltswaren wirklich ein Eigenleben führen. Falls ja, hofft sie darauf, dass sich ihr Geschirr selbst abzuwaschen lernt.

Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.

Übersetzung: Stefanie Busam Golay

Klassifizierung: A229TY


 

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