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3. Feb. 2006

Paparazzi und Prototypen auf Eis: Autotests in Schweden

von: David Wiles, freier Journalist
Die Schwedenrallye läuft im Moment in Mittelschweden auf Hochtouren. Aber während die Rennfahrer im grellen Licht der Medien durch verschneite Wälder brausen, ist Hunderte von Kilometern weiter nördlich auf ähnlichem Terrain eine wesentlich verschwiegenere Automobilveranstaltung in vollem Gang.

Autos, die pro Saison Tausende von Kilometern gefahren werden, gelten als wichtiger Bestandteil der Tests auf Wintertauglichkeit. Foto: Johan Fjellström / LiLAB
Autos, die pro Saison Tausende von Kilometern gefahren werden, gelten als wichtiger Bestandteil der Tests auf Wintertauglichkeit. Foto: Johan Fjellström / LiLAB

Ein boomender Industriezweig ist in Nordschweden, einer der extremsten Gegenden Europas, mit den Tests auf Wintertauglichkeit neuer Autos und ihrer Komponenten entstanden. In einem Gebiet, das sich über den Polarkreis erstreckt und wo das Thermometer auf –40C  (oder sogar, wenn auch selten, auf  –50C) fallen kann, wird die neueste technologisch und gestalterisch führende Automobiltechnologie auf entlegenen Straßen und zugefrorenen Seen, markiert mit Spuren, die eisigen Getreidekreisen ähneln, auf Herz und Nieren getestet.

Die Bevölkerung einiger nördlicher Städte schwillt in jeder Testsaison auf fast das Doppelte an, wenn die Ingenieure und Techniker aus aller Welt hereinströmen. Den Einheimischen sind sie willkommen, denn für sie ist diese wachsende Industrie die Rettung. Sie schafft Arbeitsplätze und bringt Umsatz für die Läden, Restaurants und Hotels. Aber in den Spuren der Tester folgt die Rache in Gestalt der verhassten Auto-Paparazzi mit der Absicht Fotos zu schießen, für die von der Automobilpresse bereitwillig Höchstsummen gezahlt werden.

Extrem – aber immer noch zugänglich

Hinter den Wintertests steht die Idee, was unter diesen Bedingungen funktioniert, wird überall funktionieren. Die ersten Tests wurden vor über 30 Jahren in Nordschweden durchgeführt und die Automobilindustrie erkannte schnell, welchen Nutzen es ihr bringt, wenn sie ihre Fahrzeuge dem Schlimmsten aussetzt, das die Natur ihnen anhaben kann. Auf kreisförmigen Eisspuren oder 500-km-Belastungstestfahrten durch dunkle, abgeschiedene Wälder testen die Hersteller jedes Einzelteil eines Fahrzeugs von den Reifen aufwärts.

Die Autotests haben Hunderte von Arbeitsplätzen in Nordschweden geschaffen. Foto: Johan Fjellström/LiLAB
Die Autotests haben Hunderte von Arbeitsplätzen in Nordschweden geschaffen. Foto: Johan Fjellström/LiLAB

Michael Åhman, ein Veteran des Autojournalismus, der in Arvidsjaur, einem der Testzentren, aufgewachsen ist, sagt: „Man hat versucht, einige der Tests auf Simulatoren durchzuführen, aber das funktioniert nicht so gut. Mutter Natur hat eine besondere Art von Eis, die man ‚live‛ testen muss.“

Als mit den Tests begonnen wurde, konzentrierten sich die Hersteller hauptsächlich auf Funktionen – wie das Nichteinfrieren von Schlössern und so weiter - heute werden häufig elektronische Komponenten getestet.

Aber warum Schweden? „Es ist nicht so weit von den großen europäischen Herstellern entfernt wie Kanada oder Russland“, meint Åhman. „Dann ist da noch die Infrastruktur. Hier gibt es ein größeres Straßennetz als etwa in Kanada. Außerdem sind die Distanzen zwischen den Städten nicht so groß. Und es gibt ein bisschen Geselligkeit nach den Tests – nicht nur Arbeit.“

Paparazzi kalt gestellt

Außer hohen Zäunen und auf Schneemobilen patrouillierenden Sicherheitskräften gibt es wenige Möglichkeiten, die Tests in Schweden vor neugierigen Blicken zu schützen. Auto-Paparazzi, die 250 000 SEK mit nur einem in mehreren Zeitungen veröffentlichten Foto verdienen können, sind ein ständiger Stachel im Fleisch der Tester.

„Der berühmteste Auto-Paparazzi, Hans Lehmann, kann nicht mehr hierher kommen“, erzählt Åhman. „Wenn er da ist, verschwinden alle Autos in Garagen und die Tests werden gestoppt.“

Die örtlichen Geschäfte, Hotels und Restaurants erhalten „Steckbriefe“ bekannter Fotografen. Sie unterhalten eine Art Nachbarschaftswache und alarmieren sich gegenseitig, wenn der Feind sich blicken lässt.

Natürlich sind sie sehr darauf bedacht, eine Industrie zu schützen, die zum Rettungsanker der Region geworden ist. „Nordschweden hatte ziemliche Probleme mit der Beschäftigung“, berichtet Åhman. „Aber die Tests sind die Rettung für diese Städte.“

Testfahrer sind Experten für extreme Straßenbedingungen und weichen Rentierherden oder Elchen gekonnt aus. Foto: Volvo
Testfahrer sind Experten für extreme Straßenbedingungen und weichen Rentierherden oder Elchen gekonnt aus. Foto: Volvo

Boomende Industrie

Laut Per-Gunnar Sundström, dem Vorsitzenden des Schwedischen Testgelände-Verbandes (SPGA), wurden in der Saison 2002-03 etwa 225 Millionen SEK von der örtlichen Testindustrie und weitere 700 Millionen SEK von anderen Unternehmen in der Gegend erwirtschaftet. Die Autotests sorgen für mehrere hundert Arbeitsplätze in einer Region, wo es außer im Tourismus und in der Forstindustrie kaum Arbeitsmöglichkeiten gibt.

„Als vor vier Jahren das einzige Bergwerk in Arjeplog geschlossen wurde, verschwanden 90 Prozent aller Arbeitsplätze in der Gemeinde“, sagt Sundström. „Es war eine Katastrophe. Aber durch das Wachstum bei den Tests waren die Auswirkungen der Schließung nicht halb so schlimm wie befürchtet.“

Gerade haben Firmen wie Bosch und Hyundai Mobis beträchtlich in nordschwedische Testanlagen investiert. Die Region scheint also gut gerüstet, noch einige Zeit ein Magnet für Autohersteller – und diese ärgerlichen Auto-Paparazzi – zu bleiben.

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David Wiles ist Brite und lebt als freier Journalist und Texter in Skåne (Schonen), Südschweden. Er ist Redakteur von Sweden Today, einem Wirtschaftsmagazin in englischer Sprache.

Der Autor ist allein für den Inhalt dieses Artikels verantwortlich.

Übersetzung: Margaretha Tidén

Klassifikation: A130TY

© Foto 1: Johan Fjellström / LiLAB
© Foto 2: Johan Fjellström / LiLAB
© Foto 3: Volvo


 

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