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23. Jan. 2009

Sandra Backlund bestrickt die Modewelt

von: Charlotte West
Die junge schwedische Designergeneration haucht der Modeszene neues Leben ein. Kunstvolle Strickarbeiten sind die ganz spezielle Masche von Sandra Backlund. Und sie hat damit ihre Nische gefunden.

Oft lässt Sandra Backlund in ihrem Stockholmer Atelier die Stricknadeln fast rund um die Uhr klappern.
Oft lässt Sandra Backlund in ihrem Stockholmer Atelier die Stricknadeln fast rund um die Uhr klappern. Foto: Caroline Tibell/Scanpix

Schwedische Mode wird meist mit Prêt-à-porter-Marken wie H&M und Cheap Monday in Zusammenhang gebracht. Aber Modemetropolen wie Paris und Milano sollten sich auf starke Stücke aus dem Norden gefasst machen, denn auch Stockholm macht sich einen Namen als Zentrum für Haute-Couture und avantgardistische Kleidung: Die junge schwedische Modedesignergeneration hat ganz neue Maschen entwickelt: Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Strickwaren jemals laufstegtauglich würden?

Haarige Mode

Sandra Backlund, Schwedens Stricktante extraordinaire, entdeckte ihr Modetalent während ihrer Ausbildung an der Universität der nordschwedischen Stadt Umeå. Erst nachdem sie sich mit der Kunstgeschichte und anderen eher theoretischen Fächern befasst hatte, schrieb Backlund sich als Textilstudentin ein. 

„Dort fand ich, was ich suchte“, sagt die Strickdesignerin. „Ich glaube, mein Mode-Faible resultiert aus meinem Interesse für die bildende Kunst. Meine Freude an der Mode ist aber sicher auch darauf zurückzuführen, dass ich in einer Kleinstadt in Nordschweden aufgewachsen bin und meine Klamotten oft selber machen musste.“

Zwei Wollkreationen aus Sandra Backlunds Herbst-/Winterkollektion 2008/09 „Last Breath Bruises“. Zwei Wollkreationen aus Sandra Backlunds Herbst-/Winterkollektion 2008/09 „Last Breath Bruises“.

Zwei Wollkreationen aus Sandra Backlunds Herbst-/Winterkollektion 2008/09 „Last Breath Bruises“." Foto: Annika Aschberg

Die Designerin beschreibt die Ästhetik ihrer schützenden, warmen Kollektionen als „Kompositionen aus fiktionalen und fantastischen Gebilden“. Ihr macht es Spaß, die Besonderheiten des menschlichen Körpers über die Mode zu ergründen. „Zur Modellierung des Körpers haben Modedesigner seit jeher Hilfsmittel wie Korsetts und Schulterpolster verwendet. Ich modelliere mit Hilfe von Wolle und versuche, Dynamik zu erzeugen, indem ich gewisse Körperstellen verhülle oder eben unverhüllt lasse. Ich mag die Kombination aus Weichheit und scharfen Silhouetten.“

Prozessorientierte Kreativität

Es ist unverkennbar, dass Backlund die wärmende Eigenschaft der Wolle liebt. Trotzdem unterscheiden sich die Stücke aus „Last Breath Bruises“ — Backlunds Herbst-/Winterkollektion 2008/09 — mit einiger Sicherheit ganz erheblich von den Pullis in Ihrem Kleiderschrank. Backlunds handgemachte, ausgefallene Kleider sind von schweren architektonischen Konstruktionen und großen Silhouetten gekennzeichnet. 

Backlund arbeitet nicht mit Mustern, sondern entwirft ihre Trikotagen beim Stricken. „Ich arbeite gern prozesshaft. Man muss die Dinge nicht unbedingt zergliedern. Es ist durchaus möglich zu improvisieren, ohne zu dekonstruieren“, sagt Backlund.

„Mir sind der handwerkliche Prozess und das Feeling des Handgemachten sehr wichtig. Ich experimentiere zwar viel mit Materialien und Techniken. Aber ich glaube, dass mir die collagierende Strickerei mit schwerer Wolle ultimative Ausdrucksmöglichkeiten bietet.“

Einige von Sandra Backlunds Kreationen sind im Rahmen der Ausstellung „Swedish Fashion — Exploring a New Identity“ auf Tour (mehr dazu in der rechten Spalte).
Einige von Sandra Backlunds Kreationen sind im Rahmen der Ausstellung „Swedish Fashion — Exploring a New Identity“ auf Tour (mehr dazu in der rechten Spalte). Foto: Nina Andersson

Preisgekröntes Design

Pünktlich zu ihrem Abschluss an Beckmans Designhochschule in Stockholm gründete die Künstlerin 2004 ihr eigenes Label. Die Mittdreißigerin eroberte die schwedische Modeszene im Sturm und gewann in Schweden viele Auszeichnungen, so 2005 den FutureDesignDays Award für vielversprechende Nachwuchstalente und 2008 den Swedish Elle Award.

Aber Backlund bestrickte mit ihren haarigen Stücken auch die internationale Designgemeinde: 2007 gewann sie das Festival International de Mode et de Photographie im französischen Hyères. Erst bei der Verleihung dieser Auszeichnung wurde der Künstlerin richtig bewusst, wie erfolgreich sie geworden war.

Für ihre Herbst-/Winter-Kollektion 2007/08 kooperierte Sandra Backlund bei verschiedenen Trikotagen mit Louis Vuitton. Beim Protégé Project — einem Wettbewerb, bei dem fünf junge Designer prominente Persönlichkeiten aus der Modewelt als Mentoren zur Seite gestellt bekommen — konnte Backlund mit Franca Sozzani von der Zeitschrift Vogue Italia zusammenarbeiten.

Mode mit Muße

Jährlich zwei Kollektionen mit mindestens zehn originellen Kleidungsstücken von Hand zu entwerfen, ist auch für die erfolgsverwöhnte Backlund eine ziemliche Herausforderung. „Ich versuche, es möglichst ruhig anzugehen“, meint die Designerin.

Dennoch bedauert Backlund, dass ihr die Führung ihres Unternehmens zuweilen Zeit stiehlt, die ihr dann bei ihrer kreativen Arbeit fehlt. „Neben dem eigentlichen Designprozess stehen so viele Dinge an. Es ist nicht leicht, die Balance zwischen dem Kreativen und dem Kommerziellen zu finden“, so Backlund.

Und Sie dachten, Strickwaren können nicht glamourös wirken? Die Kollektion „Last Breath Bruises“ belehrt Sie eines Besseren! Und Sie dachten, Strickwaren können nicht glamourös wirken? Die Kollektion „Last Breath Bruises“ belehrt Sie eines Besseren!

Und Sie dachten, Strickwaren können nicht glamourös wirken? Die Kollektion „Last Breath Bruises“ belehrt Sie eines Besseren! Foto: Annika Aschberg

Backlund kämpft außerdem mit dem Tempo, das im Modegeschäft vorgelegt wird. „Man steht unter dem Druck, sich ständig erneuern zu müssen. Für mich ist das eigentlich nicht die ideale Ausdrucksform. Ich nehme immer wieder gern alte Ideen auf — das ist wohl auch eine Reaktion auf die Schnelllebigkeit der Mode.“

Eigenbrötlerin

Backlund zieht sich oft mit ihren Stricknadeln in ihr Atelier zurück. Einsamkeit und die Leidenschaft für ihre Tätigkeit machen die Lebenseinstellung der Schwedin aus. Allerdings muss Backlund sich eingestehen, dass die einförmigen Bewegungen beim tagelangen Stricken allmählich ihren Tribut fordern und dass ihr Beruf auf Kosten ihres Privatlebens geht.

Backlund findet sich langsam damit ab, dass sie in ihrem Unternehmen nicht sämtliche Fäden in der Hand halten kann. Deshalb versucht die Strickkünstlerin „abzuketteln“ und erprobt die Zusammenarbeit mit einem Italienischen Strickspezialisten, mit dem sie alltäglichere, kommerziellere Kleidungsstücke produzieren will. Sie selbst möchte sich in Zukunft vor allem auf Accessoires wie Taschen und Mützen konzentrieren.

Die Designerin betrachtet ihre Trikotagen vor allem als Kunstwerke und nicht so sehr als Kleider. „Ich will keinen Schal machen, der sich von all den anderen, die man von der Stange kaufen kann, nur im vierfachen Preis für die Handarbeit unterscheidet“, sagt sie.

Aber passend zum langsamen Prozess des Strickens will Backlund sich nicht zu übereilten Entscheidungen hinreißen lassen: „Ich muss die Dinge auf meine Art machen.“

Charlotte West

Charlotte West ist eine in Stockholm lebende amerikanische Autorin und Pullifanatikerin. Nachdem sie Sandra Backlund getroffen hatte, musste sie einfach ihr eigenes Strickwerkzeug hervorholen. Aus dem geplanten Pullover wurde ein Topflappen.

Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.

Übersetzung: Stefanie Busam Golay

Klassifizierung: A273TY


 

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