13. Apr. 2007
Bei der diesjährigen Verleihung des schwedischen Musikpreises „Grammis“ kam die Independent-Musik ganz groß raus: Die international anerkannte Stockholmer Indie-Band „The Knife“ gewann in nicht weniger als sechs Kategorien. In Schweden hat die Indie-Musik derzeit Hochkonjunktur, und die internationale Anhängerschaft der unzähligen aufregenden Bands des Landes wächst unaufhaltsam.

Ende 2006 bot der iTunes Store das „The-Knife“-Stück „We Share Our Mothers' Health“ aus dem Album „Silent Shout“ als Gratis-Song der Woche an. Foto: Elin Berge
Die schwedische Musik des beginnenden 21. Jahrhunderts ist so neu wie abwechslungsreich – und womöglich haben Sie schon schwedische Indie-Musik gehört, ohne es zu merken. Gruppen wie „The Knife“, „Peter, Bjorn and John“ und „The Radio Dept“ ernten viel Lob und gehen im Ausland oft über den Äther. Die Gruppe „The Knife“ wurde spätestens durch José González’ packende Cover-Version ihres Stückes „Heartbeats“ bekannt, zu der in einer Werbung für Sony-Fernseher eine Viertelmillion bunter Bälle einen Hügel in San Francisco hinunterhüpften.
Die schwedische Independent-Musik hat inzwischen eine große und treue Fangemeinde, und ihr werden in Musik-Clubs regelmäßig abendfüllende Veranstaltungen gewidmet – in Tokyo ebenso wie in Berlin. Aber was ist schwedische Indie-Musik überhaupt? Warum schlägt sie so ein? Warum wird sie in anderen Ländern in Clubs und mit Websites und Festivals gefeiert?
Musikalische Unabhängigkeitserklärung
Andres Lokko ist ein in London lebender schwedischer Musikjournalist. Er erklärt, dass die Bezeichnung Independent – kurz Indie – in anderen Ländern oft mit gitarrenorientierter Musik verbunden werde, in Schweden aber eine umfassendere Bedeutung habe: „Die schwedische Definition von Indie-Musik lehnt sich an der ursprünglichen Bedeutung von Independent-Musik an, nämlich ‚unabhängige Musik‘ zu sein. Was in Großbritannien oder den USA beispielsweise als Electronica bezeichnet würde, wird in Schweden als Indie definiert, wohingegen gitarrenorientierte Musik – die Popmusik der Post-Oasis-Ära – mehr oder weniger als Mainstream angesehen wird.“

Zum Soundtrack von Sofia Coppolas Film „Marie Antoinette“ gehört auch Musik der schwedischen Gruppe „Radio Dept“. Die Band gewann bei der schwedischen „Manifest“-Gala, bei der Independent-Musik ausgezeichnet wird, den Preis der Kategorie „Beste Pop-/Rock-Gruppe“.
Zwei der angesagtesten schwedischen Indie-Bands unterstreichen mit ihrer Musik das breite Spektrum der Independent-Musik: Die Gruppe „Hello Saferide“ spielt eine Art akustischen Pop mit intimen und humorvollen Liedtexten, während „The Knife“ auf experimentelle, aber dennoch eingängige Weise vokalen Elektro-Pop mit Underground-Techno verschmelzt.
Schwedische Musik zum Schwelgen
In der britischen Tageszeitung „The Guardian“ wurde die schwedische Independent-Musik kürzlich als „unerreichbar schön“ beschrieben. Tatsächlich ist die Musik geprägt von lieblichen Melodien, die oft melancholisch, aber stets eingängig sind. „Schwedische Musik ist an der Melodie zu erkennen“, meint Lokko. „Da Englisch die Sprache der Popmusik ist, stehen bei der schwedischen Musik immer die Melodien im Vordergrund. Und in Schweden ist es kalt – vielleicht brauchen wir Musik, die uns das Herz erwärmt.“
Mattias Lövkvist ist Chef der Stockholmer Plattenfirma „Hybris Records“, die Gruppen wie „Sibiria“ und „Hell on Wheels“ vermarktet. Er sagt, dass die Ausbreitung der schwedischen Musik auf das Internet zurückgehe. Das wurde um das Jahr 2000 nämlich zum Standardmedium bei der Suche nach neuer Musik: „In Schweden gab es immer gute Gruppen, aber jetzt können sie leichter in anderen Ländern auf sich aufmerksam machen. Die Independent-Szene ist eigentlich eine sehr lokale Angelegenheit, und für Indie-Bands ist es schwierig, im Ausland aufzutreten. Aber das Internet sorgte dafür, dass die schwedische Independent-Szene explosionsartig wachsen konnte.“
José González und Annika Norlin von „Hello Saferide“ gehören in der schwedischen Indie-Szene zu den Größten.
Werkzeug für Kreative
Mattias Lövkvist sagt, dass die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit von Musikproduktionssoftware auch schwedischen Bands zugute kam. „Fast alle Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten, machen ihre Musik zu Hause“, erklärt Lövkvist. „In Schweden hat heute so gut wie jeder einen Computer, und fast alle Musiker können auf ihrem Rechner Musik produzieren.“
Musiksoftware und Internet ermöglichten auch Musikerinnen, in der bisher männerdominierten Branche stärker Fuß zu fassen. „Vitamin B ist zweitrangig geworden, denn das Internet öffnete den jungen Frauen in dieser Branche die Tür zu ihren Fans“, erläutert Lövkvist. „Die Talentsucher – Männer in den Vierzigern – haben die Mädchen und deren Fertigkeiten schlichtweg übersehen, obwohl sie eigentlich schon seit langer Zeit gefragt sind.“ Jetzt nehmen die Frauen die Dinge eben selbst in die Hand …
Dicke Pullis, zufriedenes Lächeln
In Madrid gründeten fünf Anhänger der schwedischen Musik – zwei von ihnen studierten an der Universität Umeå – einen Kulturclub, über den sie schwedische Töne in Spanien bekannt machen möchten.

Die 1994 gegründete Gruppe „Hell on Wheels“ ist immer noch eine der angesehensten schwedischen Indie-Bands.
Monica Gutierrez Herrero ist Mitglied von „Fikasound“, einer Gruppe, die in Spanien Auftritte und Festivals mit schwedischen Bands organisiert. Über den Reiz der schwedischen Musik sagt Gutierrez Herrero: „Uns berührt, was die Schweden singen, und wir lieben die Andeutungen. Man empfindet die Kälte, spürt den dicken Pullover, sieht das Nordlicht in der dunklen Winternacht – und man fühlt die Heiterkeit des Sommers, das Kitzeln der Sonne im Gesicht, die Vorfreude auf ein Bad im See, das ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Dass die schwedische Musik solche Gefühle transportieren kann, macht sie zu etwas ganz Besonderem. Wir schätzen diese außergewöhnlichen Momente.“
Schwedische Independent-Musik – in den höchsten Tönen gelobt
„Die schwedische Indie-Szene ist unglaublich dynamisch und vielseitig. Während die britische Independent-Musik immer noch geprägt ist vom totenkalten Griff des Post-Hardcore, vom Emo und von fürchterlich ‚anspruchsvoller‘ Experimentalmusik, schreiben schwedische Indie-Künstler Popmusik über ihr Leben und ihre Erfahrungen.“
– Der britische Musiker Jyoti Mishra, der 1997 als „White Town“ mit „Your Woman“ einen Riesenhit landete, auf www.bzangygroink.co.uk zitiert.
„Vielleicht herrscht in Schweden mehr musikalische Integrität. Anscheinend orientieren sich die Bands weniger an der vorherrschenden Szene als in Großbritannien und den USA. Eine Regierung zu haben, die sich bemüht, die Musiker zu fördern, scheint ebenfalls hilfreich zu sein.“
– Huw Rees, Chef der Plattenfirma „Stereo Test Kit Records“, auf noisedfisk.com zitiert.
„Indie-Pop ist Musik, die von Herzen kommt – Musik, die man aus Liebe zu guten Liedern macht, ohne dabei von großen Plattenfirmen und deren kommerziellen Interessen gegängelt zu werden.“
– Die Indie-Band „The Hartmans“ aus dem schwedischen Östersund, auf www.indiepop.it zitiert.
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David Wiles ist Redakteur des Magazins „Sweden Today“. Bevor er für diesen Artikel zu recherchieren begann, hatte er nur von „ABBA“ und „The Hives“ gehört. Inzwischen haben aber José González' Album „Veneer“ und das „The-Knive“-Album „Silent Shout“ auf seinem MP3-Spieler ihren festen Speicherplatz.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A182TY
© Photo 1: Elin Berge
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