7. Sep. 2007
Im vergangenen Jahr wurden in Schweden mehr Kinderbücher herausgegeben als je zuvor. Besonders Detektivbücher kurbeln den Verkauf an und machen ABC-Schützen zu Leseratten.

Die LasseMaja-Detektivbücher finden bei schwedischen Jungen und Mädchen großen Anklang. Foto: Cari Simmons
Lesekampagnen, die Senkung der Mehrwertsteuer auf Bücher, ein Babyboom und eine verbesserte Wirtschaftslage haben dafür gesorgt, dass seit 2003 immer mehr gelesen wird. Eine neue schwedische Detektivserie, die auf der Kinderbuch-Bestsellerliste sogar die Platzierung der Harry-Potter-Bücher übertrifft, unterstützt diese Entwicklung.
Lillemor Torstensson, Informationsbeauftragte beim Schwedischen Kinderbuchinstitut (Svenska barnboksinstitutet), sagt, dass Martin Widmarks LasseMaja-Bücher bei Jungen und Mädchen zwischen sieben und neun Jahren riesigen Anklang finden. „Widmarks Bücher erschließen sich leicht. Gute Geschichten und eine unkomplizierte Sprache schlagen die jungen Leser in den Bann“, erklärt Torstensson.
Geschichten müssen diese Eigenschaften mitbringen, wenn sie bei Kindern ankommen sollen, meint Annika Lundeberg, Lektorin des Bonnier-Carlsen-Verlages, der die LasseMaja-Serie herausbringt. „Der Wettbewerb ist härter geworden“, sagt Lundeberg. „Heute konkurrieren Bücher mit Computerspielen und Fernsehsendungen. Wir haben festgestellt, dass auch in Büchern das Tempo erhöht werden muss.“

Die Wirkung interessanter Illustrationen ist nicht hoch genug einzuschätzen. Foto: Cari Simmons
Illustrationen, Form und Design seien auch für schwedische Mädchen und Jungen immer wichtiger geworden, weshalb inzwischen sogar Bücher für ältere Kinder bebildert seien, fügt Lundeberg hinzu. Helena Willis’ Illustrationen der LasseMaja-Bücher wurden von den Erwachsenen heftig kritisiert, aber den Kindern gefielen sie auf Anhieb. „Die Erwachsenen meinten anfangs, dass die Zeichnungen hässlich seien. Die Kinder fanden die einfachen Schwarz-Weiß-Abbildungen aber sofort richtig klasse“, sagt Lundeberg.
Die Kleinen in den Fußstapfen der Großen
Die Trends bei Kinderbüchern folgen meist denen der Erwachsenenliteratur – und derzeit sind Detektivromane angesagt. Im Jahr 2006 erschienen nicht weniger als 75 Detektivbücher für Kinder. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es lediglich 21.
Aber trotz aller Detektivgeschichten bleiben die Klassiker von Elsa Beskow („Hänschen im Blaubeerwald“) und Astrid Lindgren, der Grande Dame der Kinderliteratur, Standardlektüre für schwedische Jungen und Mädchen – nicht zuletzt deshalb, weil die Eltern und Großeltern die meisten Bücher für den Nachwuchs besorgen.
Astrid Lindgrens Werke, die in mindestens 90 Sprachen übertragen wurden, sind die am häufigsten übersetzten Bücher. Weltweit wurden über 145 Millionen Exemplare ihrer Pippi-Langstrumpf-, Michel-, Lotta- und Karlsson-Bücher verkauft.

Noch immer halten viele die Bücher von Astrid Lindgren für aufrührerisch. Foto: Cato Lein
Zum Gedenken an Astrid Lindgren und um die internationale Kinder- und Jugendliteratur zu fördern, stiftete die schwedische Regierung im Jahr 2002 den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis. Dieses Jahr wurde der weltweit bedeutendste Preis für Kinder- und Jugendliteratur der Institution Banco del Libro verliehen, einer Organisation zur Leseförderung von Kindern in Venezuela.
Pippi als Wegbereiterin
„Die Pippi-Langstrumpf-Bücher sind ehrlich und hinterfragen die Autorität der Erwachsenen“, sagt Torstensson. „Vermutlich sind diese Bücher deshalb auch heute noch, sechzig Jahre nach der Erstauflage, so beliebt.“
Lundeberg meint: „Kinder in der schwedischen Literatur sind oft besonders unabhängig, und in schwedischen Büchern werden Themen aufgegriffen, die in vielen anderen Ländern tabu sind: zum Beispiel Mobbing, Alkoholismus in der Familie, Scheidung und Tod.“
Die Deutschen seien von schwedischen Büchern besonders angetan, erläutert Lundeberg: „Vielleicht hat das damit zu tun, dass sich der deutsche und schwedische Erziehungsstil und die Schulsysteme beider Länder ähneln.“
Lundeberg ergänzt, dass in anderen Ländern schwedische Bücher wiederum deshalb geschätzt werden, weil sie eine Gesellschaft schildern, die sich von der eigenen unterscheidet. So haben Bücher aus Schweden beispielsweise in asiatischen Ländern den Reiz des Exotischen.

Pija Lindenbaums Bücher gehen Themen an, die für Kinder wichtig sind.
Tuning für den Export
Manchmal werden schwedische Bücher für den Auslandsmarkt angepasst. Pija Lindenbaums höchst originelle Bücher, die unter anderem ins Deutsche, Englische, Französische und Japanische übersetzt wurden, gehen Themen wie Angst, Eifersucht und Einsamkeit an. In ihrer Geschichte „Else-Marie und die kleinen Papas“, einer Erzählung über eine unkonventionelle Familie, wechselten amerikanische Verleger eine Abbildung aus, auf der sieben „kleine Papas“ nackt mit Mutter und Kind baden.
„In manchen Ländern werden schwedische Bücher dafür geliebt, dass sie gewagt und frech sind, in anderen Ländern, in denen ein strengerer Erziehungsstil gepflegt wird, können unsere Bücher allerdings als zu unorthodox gelten“, sagt Torstensson. Dabei führt sie Jujja Wieslanders und Sven Nordqvists Mama-Muh-Bücher an, die von einer energiegeladenen Kuh erzählen, die rutscht, schaukelt, ein Baumhaus baut und allerlei andere „unkühische“ Dinge anstellt.
Kaum ein junger Leser kann sich Figuren entziehen, die mit Einfühlung und aus kindlicher Perspektive geschaffen wurden – und bei den älteren verhält es sich nicht viel anders …
Fakten
- Im Jahr 2006 erschienen in Schweden 1 515 Kinder- und Jugendbücher, 638 schwedische (42 %) und 877 übersetzte Werke (58 %).
- 2006 debütierten 105 Autoren, Illustratoren und Fotografen mit Kinderbüchern.
Kürzlich ins Deutsche übersetzte Kinderbücher
Ein Sommer mit Percy und Buffalo Bill von Ulf Stark
Franziska und die dussligen Schafe von Pija Lindenbaum
Das Geheimnis der Weihnachtswichtel von Sven Nordqvist
Die besten Beerdigungen der Welt von Ulf Nilsson
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Cari Simmons verschlingt seit der Geburt ihrer Tochter vor neun Jahren schwedische Kinderbücher. Kürzlich ließ sie sich vom LasseMaja-Zeitungsgeheimnis in den Bann ziehen.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A196TY
© Fotos 1 und 2: Cari Simmons
© Foto 3: Cato Lein
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