2. Jul. 2007
Die meisten Schweden treffen sich zu Mittsommer mit ihren Freunden und Verwandten auf einer Wiese oder am Meer, um die Sonne, die Wärme und die Stimmung des Sommers zu feiern. Die meisten. Andere begehen das Fest der Sommersonnenwende auf weniger übliche Weise: im Norden des Landes unter der Mitternachtssonne Ski fahrend.
Robert Lindstedt ist Direktor des Hotels von Riksgränsen, einem 1 500 Kilometer von Stockholm entfernten Dorf im wilden und abgelegenen Norden Schwedens. „Hierher kommt man zum Skilaufen“, sagt Lindstedt. „Um den Ort zu mögen, muss man Spaß am Skifahren haben. Wenn man sich langweilt, geht man Skilaufen. Skifahren ist hier oben ein Lebensstil.“
Wie sieht es also zu Mittsommer an einem Ort aus, der 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, 300 Meter von der norwegischen Grenze („Riksgränsen“ bedeutet „Landesgrenze“) und 35 Kilometer von der Küste entfernt liegt?
Zur Geisterstunde auf der Piste
Zwar genießt man auch in Riksgränsen das traditionelle schwedische Mittsommer-Büfett mit marinierten Heringen, gekochten neuen Kartoffeln und Aquavit, aber bei den nachmahlzeitlichen Aktivitäten geht man hier einen Sonderweg: Statt wie „normale“ Schweden in einen kleinen See zu hüpfen oder um den Maibaum (midsommarstång) zu tanzen, steuert man in Riksgränsen die Hänge an. Die Bergkulisse und die exzellenten Bedingungen auf und neben den Pisten geben den Mittsommerfeierlichkeiten des Dorfes einen ganz besonderen Rahmen.

„In Riksgränsen Ski zu fahren, ist ein außergewöhnliches Erlebnis“, sagt Hoteldirektor Robert Lindstedt. Foto: Privat
Mit Durchschnittstemperaturen von 10 ˚ bis 15 ˚ Celsius kann es im Juni in der Sonne recht warm werden. Manchmal ist es sogar möglich, in kurzen Hosen und T-Shirt Ski zu fahren.
„Oberhalb des Urlaubsortes erhebt sich ein Berg mit sechs Skiliften, dort pilgern die Menschen hin“, sagt Lindstedt. „Es ist fast bizarr, um zehn Uhr abends Hunderte von Menschen im Schein der Mitternachtssonne den Berg stürmen zu sehen. Auch ich finde es immer richtig aufregend, so spät auf die Piste zu gehen.“
Fortgeschrittene vor
Der Berufsfotograf Lars Thulin, der auch Touren in der Region leitet, zog vor 20 Jahren von Stockholm nach Riksgränsen. Er hat einen Führer über die Pisten der Gegend verfasst, in dem 161 Abfahrten auf 70 Gipfeln beschrieben werden.
„Für mich war die Landschaft die Hauptattraktion. Der abgeschiedene Ort bietet herrliche Möglichkeiten zum Skilaufen abseits der Piste. Im Sommer mitten in der Nacht Ski zu fahren, ist einfach ein fantastisches Erlebnis – es ist kalt, der Schnee ist hart und die Sonne hängt als roter Ball am Himmel.“
Bei Riksgränsen Ski zu laufen sei nichts für Anfänger, so Thulin. „Abfahrten und Umgebung sind anspruchsvoll, und erfahrene und fortgeschrittene Skifahrer finden im freien Gelände ausgezeichnete Bedingungen vor. Viele Abenteuerlustige stürzen sich Abhänge hinab, die sie zuvor hinaufgestiegen sind.“
Wintersport(ort) der Extraklasse
Die Wintersaison in Riksgränsen beginnt im Februar und endet an Mittsommer. Hochbetrieb herrscht zwischen Ostern und Ende Mai. Dann ist das örtliche 600-Betten-Hotel jedes Wochenende ausgebucht. Während der Skisaison arbeiten in Riksgränsen bis zu 130 Menschen und unterstützen mit ihrer Arbeit im Hotel und an den Pisten die Aktivitäten im Urlaubsort. In dieser Zeit geht die Sonne nie ganz unter – und beschert Mensch und Tier fast verwirrend viel Licht.

Riksgränsen lockt trotz abgeschiedener Lage im äußersten Norden Schwedens Besucher von nah und fern. Foto: Strömma Fjäll & Aktivitet
Lindstedt erzählt, dass die Menschen von weit her anreisen, um die Angebote in den Bereichen Skifahren, Heliskiing und Bergsteigen auszukosten. „Die Gäste kommen aus Umeå, Luleå und Narvik. Aber in dieser Saison haben wir auch 3 000 Gäste aus Stockholm eingeflogen. Und die Zahl der ausländischen Besucher steigt ebenfalls ständig. Besonders für Menschen, die traditionellere Skigebiete gewohnt sind, ist ein Aufenthalt in Riksgränsen ein einzigartiges Erlebnis.“
Anki Dahlin und ihr Mann verbanden in ihrem Urlaub Skifahren in Riksgränsen mit Scuba Diving vor der norwegischen Küste. „Wir wünschten uns ein exotisches Skandinavien-Erlebnis. Das Skilaufen war klasse. Wenn die Sonne hinter den Wolken hervorschaute, war es sogar richtig warm. Man kann es kaum glauben, aber witzigerweise mussten wir uns bei den Tauchgängen unter unseren Trockenanzügen wärmer anziehen als beim Skifahren.“
Zum Skilaufen oder zum Weglaufen
Als Wiege des schwedischen Skisportes veranstaltete Riksgränsen 1934 die ersten internationalen Slalom-Meisterschaften. In dem Ferienort wurden 1992 auch die ersten Meisterschaften im Extremskifahren ausgetragen – The Scandinavian Big Mountain Championships – und werden seither jährlich wiederholt. Und 1995 stellte der Snowboard-Profi Ingmar Backman in Riksgränsen den Weltrekord für den höchsten „air out of a quarter pipe“ auf.
Kurzum: Wenn Sie nicht gern auf Brettern Hänge hinabgleiten und ohnehin eher ein Stubenhocker sind, können Sie Riksgränsen wohl von der Liste Ihrer Traumziele streichen ...
Fakten
- Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts fiel in der Region so viel Schnee, dass das damals von 500 Menschen bewohnte Riksgränsen beinahe vorläufig aufgegeben worden wäre.
- Am 16. Juni 1952 wurde der erste Skilift angelegt.
- Heute gibt es in Riksgränsen 6 Lifte und 14 Pisten.
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Nicholas Claude ist freier Autor in Stockholm. Im warmen Südafrika aufgewachsen, feiert er Mittsommer lieber in der Sonne – auf Meereshöhe.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A201TY
© Fotos 1 und 3: Lars Thulin
© Foto 2: Privat
© Foto 4: Strömma Fjäll & Aktivitet
Weiterführende Links
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