24. Okt. 2006
Frucht- und Beerenweine gibt es in Schweden seit vielen Jahren. Und der schwedische Weinerzeuger Åkesson produziert seit 1985 einen beliebten Schaumwein aus französischen Trauben. Aber Wein aus schwedischen Trauben? Das ist etwas ganz Neues!
Lauri Pappinen ist Initiator und Eigentümer von „Gutevin“. Sein Weingut liegt auf Gotland, einer Insel an der Südostküste Schwedens. „Gutevin“ ist eines der ganz wenigen gewerblichen Weingüter in Schweden. „Ich gründete ‚Gutevin‛, nachdem ich eines Nachts im Sommer 1991 im Traum über einen Weinberg spazierte“, sagt Pappinen.
Vom Weinstock zum Weingarten
„1995 kauften wir ein Grundstück auf Gotland, zwei Jahre später begannen wir mit den Weinreben zu experimentieren. Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich eng beieinander – und die Leute waren ganz klar der Meinung, ich sei kein Genie.”
Im Oktober 2002 brachte Pappinen seine erste erfolgreiche Weinernte ein und bewies den Zweiflern, dass sie Unrecht hatten. „Wir sind seit Beginn auf Expansionskurs und haben inzwischen nicht nur eine Vielzahl von Reben, sondern auch ein Restaurant und eine Pension auf dem Weingut. Besonders wichtig ist jedoch, dass mich jetzt weniger Insulaner für durchgedreht halten“, sagt Pappinen.
Nicht nur auf Gotland scheinen weniger Leute an Pappinens Geisteszustand zu zweifeln. Pappinens Erfolg spornte andere schwedische Weinhändler an – zum Beispiel Gunnar Dahlberg, Winzer und Eigentümer von „Wannborga Vin“ auf Öland, einer westlich von Gotland gelegenen Insel.
„Ich träumte schon immer davon, einen Weinberg zu besitzen. Aber in Schweden ist es schwierig, ein solches Vorhaben umzusetzen“, sagt Dahlberg. „Es gibt viel Bürokratie und wenig Informationen zur Rebenzucht in diesem Klima. Ich besuchte das Weingut „Gutevin“ und bekam wertvolle Ratschläge, wie die Probleme angegangen werden können. Will man in Schweden mit Wein Erfolg haben, muss man wirklich mit Leib und Seele dabei sein.“
In der Klemme
Derzeit gibt es in Schweden nur drei oder vier gewerbliche Weingüter. „Wir haben drei Probleme“, erklärt Dahlberg. „Eine Schwierigkeit ist die geographische Lage: Man kann nur auf Gotland und an der schwedischen Südküste Reben züchten. Zweitens ist es mühsam, die staatliche Genehmigung zur Weinherstellung zu bekommen. Und drittens gestaltet sich die Vermarktung extrem schwierig.“
Pappinen betont vor allem den letzten Punkt: „Für Kleinerzeuger bedeutet es das finanzielle Desaster, ihre Weine über den staatlich monopolisierten Alkoholfachhandel (Systembolaget) verkaufen zu müssen. Das System ist auf große Volumen ausgerichtet. Es ist fast unmöglich, unsere Erzeugnisse auf die Verkaufsregale der Geschäfte zu bekommen. Deshalb erscheinen die Weine der Kleinerzeuger nur im Systembolaget-Bestellkatalog, den niemand anschaut.“
Um das Vermarktungsproblem zu lösen, haben Pappinen und Dahlberg auf ihren Weingütern Restaurants eröffnet und setzen ihre Weine vor allem dort ab.
Silberstreifen am Horizont
Dahlberg meint, dass der schwedische Wein trotz aller Restriktionen eine gute Zukunft haben könne: „Neben gewerblichen Weingütern wie unseren gibt es in Südschweden derzeit 50 bis 100 Weingärten. Obwohl auf den meisten nur Wein für Angehörige und Freunde hergestellt wird, ist Potenzial vorhanden.“
Die Frage ist allerdings, ob schwedische Weine überhaupt etwas taugen. Die meisten werden schließlich aus unbekannten Kaltklima-Traubensorten hergestellt. Oder sagt Ihnen Madeleine Angevine 7672 womöglich etwas? Selbst wenn das Szenario des Klimawandels Realität wird, liegt Schweden deutlich oberhalb der nördlichen Weinbaugrenze.

Entgegen aller Skepsis ist man auf dem Weingut „Wannborga Vin“ optimistisch, was die Zukunft des schwedischen Weines betrifft. Foto: Gunnar Dahlberg
Keine Angst vor der Herausforderung
Gunilla Hultgren, Weinexpertin bei der Tageszeitung „Expressen“, ist vom schwedischen Wein nicht überzeugt: „Ich habe nicht viele schwedische Weine gekostet, weil ich der Meinung bin, dass das hiesige Klima für die Weinherstellung nicht geeignet ist. Die Weine, die ich probiert habe, finde ich – höflich ausgedrückt – herb. Es gibt ein Weingut namens „Blaxsta", das fabelhafte Süßweine erzeugt. Aber sind sie ihren hohen Preis wert?“ (Siehe Fakten unten.)
Es sieht so aus, als hätten die schwedischen Weinerzeuger gleich mehrere Kämpfe zu bestehen. Aber wollten sie ein gemütliches Leben, hätten sie ihre Betriebe wohl weiter im Süden eröffnet. Und gemäß Pappinen macht ja gerade die Tatsache, dass sich die Weinherstellung in Schweden so schwierig gestaltet, den Reiz dieser Arbeit aus.
Fakten
- Geschätzte gewerbliche Weinerzeugung in Schweden: 12,5 Hektar Reben, 92 000 Flaschen
- Geschätzte gewerbliche Weinerzeugung in Frankreich: 950 000 Hektar Reben, 7 Mrd. Flaschen
- Ungefähre nördliche Weinbaugrenze: 50 Grad nördlicher Breite
- Lage Öland: 57,4–56,5 Grad nördlicher Breite
- Lage Gotland: 58–57 Grad nördlicher Breite
- Preis pro Liter Vidal Ice Wine (Süßwein des Weingutes „Blaxsta"): 1 924 SEK (215 EUR)
- Preis pro Liter Hubertushof Riesling Eiswein Leiwener Klostergarten 2004 (nach Meinung des schwedischen Weinrezensenten Jens Dolk der beste Süßwein im staatlichen Alkoholfachhandel): 424 SEK (47 EUR)
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Der Brite Rob Hincks ist freier Autor und Redakteur in Schweden.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A164TY
© Fotos 1 und 2: Tobias Wallström/Scanpix
© Foto 3: Jan E Carlsson/Pressens bild
© Foto 4: Gunnar Dahlberg
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