17. Jun. 2005
Dunkel glänzende archetypische Formen aus tiefschwarzem Glas. Oder kristallklare Glasblöcke, „miteinander verfugt“ durch ein rotes Kabel mit dazugehörigem Lampenschirm. Und warum nicht kleine, entwaffnend kindliche Figuren aus runden, mundgefertigten Blasen, grün, gelb, weiß? Schwedisches Glas überrascht immer wieder aufs Neue. Die Erfolge von schwedischem Glas basieren auf kreativer Formgebung in Verbindung mit großem handwerklichem Können.

Skulpturales Gefäß von Matti Klenell, 2005. Foto: Pål Allan
In letzter Zeit haben wir das seriös Stilreine, das kitschig Humoristische und das rührend Figurative erlebt: Ingegerd Råmans schwarze Schalen und Urnen, Per B. Sundbergs Lampen und Matti Klenells Gefäße sind drei Beispiele für die Vielfalt des schwedischen Glases.
Es feiert trotz ständiger Gerüchte über eine finanzielle Krise Design-Triumphe. Nicht nur die wohlbekannten Glashütten, sondern auch die freien Glaskünstler sprudeln vor Vitalität.

Kristalllampe für Orrefors von Per B Sundberg, 2003. Foto: Per Larsson
Das schwedische Glasreich in Verwandlung
Glasriket, das Glasreich, ist die Bezeichnung für eine begrenzte Region im südlichen Schweden zwischen den småländischen Städten Växjö und Kalmar. Seit mehr als einhundert Jahren ist dort praktisch die gesamte industrielle Herstellung von schwedischem Glas angesiedelt. In den letzten Jahren wurde das Glasreich – wie viele andere Wirtschaftszweige auch – von Umstrukturierungen erschüttert. Vor knapp einem Jahr beschloss die schwedische Regierung, sich unter anderem im Designjahr 2005 stärker für die Zukunft des Glases einzusetzen. Dies geschah in Form eines gewissen Marketings.
Hauptakteure der schwedischen Glasbranche
Orrefors Kosta Boda, das mit Orrefors, Kosta, Boda und Åfors aus vier Glashütten besteht, ist – nicht zuletzt unter dem Aspekt der Formgebung betrachtet – der wichtigste Akteur in der Glasbranche Schwedens. Das Unternehmen präsentiert sich mit zwei Warenzeichen: Orrefors und Kosta Boda. Beide verfügen über einen Stab von Formgebern, dem ca. zehn Designer angehören. Orrefors konzentriert sich vorrangig auf klares Kristall, Kosta Boda vor allem auf gefärbtes Glas.

Aus Ingegerd Råmans jüngster Glaskollektion „Night and Day“, Orrefors 2005.
Sowohl Ingegerd Råman als auch Per B. Sundberg arbeiten für Orrefors. Mit ihren unterschiedlichen Temperamenten und Ausdrucksweisen bereichern sie das Bild über das Leistungsvermögen der Glashütte. Die jüngste unter den Formgebern von Orrefors ist Malin Lindahl, die sich im Herbst 2003 mit einem starken Debüt präsentierte. Sie hatte mit der Gravur und dem Tiefensandstrahlen alte, traditionelle Techniken aufgegriffen und sie mit einem modernen Inhalt versehen. Die Sprödheit ihres Glases ergänzt die Palette von Orrefors in reizvoller Weise.

Vase „Siljan“ mit folkloristischem Dekor von Malin Lindahl, Orrefors, 2004. Foto: Roland Persson
Glas für Luxus oder Alltag?
Das so genannte Kunstglas ist ein wichtiger imagebildender Faktor im Bereich des schwedischen Designs. Aber auch das serienproduzierte Serviceglas spielte für das Image Schwedens im Ausland ebenso wie für das Selbstbild daheim eine bedeutende Rolle. Bertil Valliens bekanntes Weinglas Chateau verkauft sich so gut wie eh und je, seit es 1981 zum ersten Mal hergestellt wurde. Und Erika Lagerbielkes Untersuchungen, in welcher Weise die Form des Weinglases das Geschmackserlebnis beeinflusst, stießen nicht nur bei Weintestern, sondern in hohem Maße auch bei normalen Konsumenten auf Interesse.
Um zu überleben, müssen die Glashütten einen breiten Kundenkreis ansprechen. Aus diesem Grunde haben sich sowohl Orrefors als auch Kosta Boda in letzter Zeit mehr auf das etwas Alltäglichere ausgerichtet. Im Februar 2005 präsentierte Kosta Boda die Ausstellung Living with Kosta Boda, in der man auf charmante und angemessen pädagogische Weise zeigte, dass Glas keineswegs eines luxusbetonten Umfelds bedarf. Spricht man in diesem Zusammenhang über wichtige neue Gläser, fällt Ulrika Hydman Valliens Mine auf, das sich bereits großer Beliebtheit erfreut. Kurzum: Alltagsluxus ohne Glamour.

Trinkglas „Mine“ von Ulrika Hydman-Vallien, Kosta Boda, 2004. Foto: Rolf Hörlin
Orrefors stellte zu Beginn des Jahres auch ein neues „Designkonzept” mit dem Ziel vor, das Glas „von der guten Stube in den Alltag” zu verlagern. Zuerst waren die Schalen da, Mingle, drei Größen in vier Farben, entworfen von Lena Bergström. Die Mingle-Schalen werden im Schleuderverfahren hergestellt, d. h. man verwendet die gleiche Technik wie in den 50er Jahren bei der Anfertigung der bekannten Fuga-Schalen (Design: Sven Palmqvist).

„Mingle“-Schalen von Lena Bergström, Orrefors Home Collection, 2005. Foto: Roland Persson
Kleine und mittelständische Glasherstellung
Für seine Weiterentwicklung benötigt das schwedische Glasdesign auch die kleinen Glashütten. Skruf, Bergdala, Lindshammar und die anderen knapp zehn kleinen Hütten können Designern zwar keine sicheren Anstellungsverhältnisse bieten, aber in einigen Hütten ist es möglich, sich als freier Formgeber stundenweise einzumieten und Hilfe von erfahrenen Glasbläsern zu erhalten. Dies tat Fredrika Linder. Sie ist eine von mehreren jungen, begabten Glaskünstlern, die darum kämpfen, von ihrem Beruf leben zu können.

Vase in Cane-Technik von Fredrika Linder, 2004. Foto: Sara Danielsson / NATIONALMUSEUM
Für Matti Klenell ist Glas mit stimulierenden Abstechern von der alltäglicheren Arbeit als Möbeldesigner verbunden. Teile seines Glases wurden in der kleinen Glashütte Sea angefertigt, andere Teile in der Glashütte seiner Eltern im värmländischen Sunne.
Zwei Glasdesigner und kürzlich gekürte Glasstipendiaten sind Elisabeth Henriksson und Paul Grähs, die im Jahr 2004 die Hochschule für Kunstgewerbe und Formgebung (Konstfack) abgeschlossen und gerade eine Glashütte in Arboga fertiggestellt haben, in der sie sowohl Gebrauchsgegenstände als auch Kunstglas blasen wollen.

Glasskulptur, Elisabeth Henriksson. Foto: Hans Thorwid / NATIONALMUSEUM
Ulla Forsell ist die Nestorin unter den freien Glasdesignern mit eigener Hütte. Ihre geblümten Glasteller, farbintensiven Trinkgläser und mit Rosen geschmückten Glasskulpturen haben oft einen humoristischen Unterton, der alle in gute Laune versetzt.

Geblümter Glasteller von Ulla Forsell, 2004. Foto: Nisse Petersson
Voraussetzungen für das schwedische Glas von morgen
Spricht man über die Zukunft des schwedischen Glases, geht es nicht nur darum, wie man der Konkurrenz in Form all des billigen Importglases entgegenwirken kann, sondern auch um die Verkaufskanäle von morgen, die Möglichkeit, alle präsumtiven Konsumenten zu erreichen. Die Objekte kleinerer Produzenten werden meist auf Ausstellungen präsentiert und in Kunstgewerbegeschäften verkauft, die nicht selten mit Hilfe von ehrenamtlichen Mitarbeitern betrieben werden. Die größeren Glashütten wiederum sind von den Auswirkungen der Umorganisation des schwedischen Fachhandels betroffen.
Am wichtigsten ist trotz allem, dass die eigentlichen Grundvoraussetzungen erhalten werden können. Glasdesign setzt handwerkliches Geschick und Können voraus. Um seine Designideen umsetzen zu können, arbeitet der Glasdesigner eng mit erfahrenen Glasarbeitern zusammen. Die Bedeutung des Handwerks kann nicht hoch genug geschätzt werden. Ohne Glasreich kein schwedisches Glas.
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Lotta Jonson ist Chefredakteurin von Form, der größten Designzeitschrift Skandinaviens.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.
Übersetzung: Grit Thunemann
© Fotos:
Foto 1: Pål Allan
Foto 2: Per Larsson
Foto 3: Orrefors
Foto 4: Roland Persson
Foto 5: Sara Danielsson / NATIONALMUSEUM
Foto 6: Hans Thorwid
Foto 7: NIsse Petersson
Klassifizierung: A101TYa
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