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16. Nov. 2005

Stereotypen über die Schweden: richtig, falsch und sowohl als auch

von: Åke Daun, Professor für Europäische Ethnologie
Neigen die Schweden wirklich zum Selbstmord? Gibt es „die schwedische Sünde“? Sind die Schweden wirklich so düster, wie sie dargestellt werden? Sind sie kalt oder nur schüchtern? Stereotypen gibt es über alle Völker, aber alle Gruppen haben tatsächlich ihre Eigenheiten.

Schweden belegt auf der europäischen Selbstmordskala mit Platz 15 einen der unteren Ränge. Trotzdem gelten die Schweden bei Ausländern als besonders selbstmordgeneigt. Die Quelle des Gerüchts soll eine Rede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower von 1960 sein. Er behauptete, dass „Sünde, Nacktheit, Alkoholmissbauch und Selbstmord“ in Schweden auf ein Übermaß an Wohlfahrtspolitik zurückzuführen seien. Die Verbindung mit der Wohlfahrtspolitik war schnell vergessen, das Selbstmordattribut jedoch verbreitete sich in der ganzen Welt.

Die Schweden, wie sind sie eigentlich? Gleichgestellt? Einsilbig? Blond? Professor Åke Daun unternimmt eine tour d´horizon durch richtige und falsche Stereotypen. Foto: Maskot
Die Schweden, wie sind sie eigentlich? Gleichgestellt? Einsilbig? Blond? Professor Åke Daun unternimmt eine tour d´horizon durch richtige und falsche Stereotypen. Foto: Astrid Lindgrens Värld

Einfluss des Klimas

Unabhängig davon haben viele Einwanderer in Schweden den Eindruck gewonnen, dass es den Schweden an wirklicher Lebensfreude mangelt. Dabei handelt es sich um ein Missverständnis, denn die Schweden zeigen ihre Gefühle nur nicht so deutlich, weder Freude noch Trauer. Viele Ausländer meinen auch eine gewisse Steifheit im sozialen Umgang wahrzunehmen. So sehen die Schweden sich tatsächlich auch selbst. Die Lebensfreude, die sie in südlicheren Ländern zu erleben meinen, hat sie schon immer bezaubert. Das Klima hat auch große Bedeutung. Viele Schweden fühlen sich während der dunklen Wintermonate niedergeschlagen, während der Sommer einen gegenteiligen Einfluss hat. Dieser saisonabhängige Stimmungsumschwung lässt darauf schließen, dass die Düsterkeit im Gemüt der Schweden nicht besonders tief verankert ist. In wenigen Ländern wirken die Menschen so lebensfroh wie in Schweden während der hellen Sommermonate, voller Gefühle von Glück und Freiheit, jedoch nicht ohne Wehmut angesichts des „allzu kurzen Sommers“.

Das Klima beeinflusst die Stimmung und die hellen Sommerabende machen froh und glücklich!
Das Klima beeinflusst die Stimmung und die hellen Sommerabende machen froh und glücklich!
Foto: Hans Svensson / www.imagebank.sweden.se

Subtiler Humor

Unterschiedlicher Humor in unterschiedlichen Ländern ist auch ein problematisches Faktum. Sogar jemand mit guten Kenntnissen einer fremden Sprache begreift häufig nur, dass gerade ein Scherz gemacht wurde, weil die anderen lachen. Die Schweden lassen sich gerne durch vage Andeutungen oder eine Art der Formulierung zum Lachen bringen. Ein subtiler Humor, den der Fremde selten versteht.

Die schwedische Sünde und die Gleichstellung der Geschlechter

Sowohl die sogenannte schwedische Sünde als auch die Nacktheit – in Filmen und an Badestränden gezeigt – befinden sich heute auf dem gleichen Niveau wie in anderen westlichen Ländern. Richtig ist jedoch, dass die Schweden zu den „Pionieren“ der Nacktheit gehörten. Genauso richtig ist, dass viele männliche Einwanderer im Lauf der Jahre die Emanzipation der schwedischen Frauen als sexuelle Freizügigkeit missverstanden haben. Symptomatisch dafür ist, dass eine enge private Beziehung, ohne Sex, einer verheirateten Frau zu einem anderen Mann akzeptiert wird. Die in Schweden dominierenden Einstellungen in sexuellen Fragen sind seit den 1960er Jahren ausgesprochen liberal, was danach auch für die Haltung zur Homosexualität gilt. Die Gleichstellung der Geschlechter ist ein Merkmal der politischen Bestrebungen in Schweden. So wurden Anstrengungen unternommen, mehr Männer dazu zu bewegen, einen größeren Anteil des bezahlten Elternurlaubs zu nehmen, auf den Eltern von Neugeborenen Anspruch haben. Von 1997 bis 2004 stieg der Anteil der Väter, die mindestens 60 Tage (von insgesamt 480) nahmen, von 10 auf 18 Prozent.

Ist ein wortkarger Schwede dumm oder höflich?

Viele Ausländer nehmen die Schweden als freundlich und höflich, aber langweilig und humorlos wahr. Die Schweden sind der gleichen Auffassung, besonders beim Zusammensein mit sich lebhaft unterhaltenden Menschen aus Ländern, in denen dem Gespräch ein hoher Wert beigemessen wird . Die Schweden sind wenig kontaktfreudig, da sie selten Lust haben zu reden, nur weil es sich gerade so ergibt. Viele hören lieber zu, was in Schweden als Zeichen von Anspruchslosigkeit gilt – eine sehr geschätzte Eigenschaft.

Leider folgert der Fremde vielleicht, dass ein einsilbiger Schwede eigentlich nichts zu sagen hat. Das ist ein fast genauso großes Missverständnis wie die Alternative: die Einsilbigkeit beruht auf Selbstüberschätzung. „Der Schwede hält es nicht für der Mühe wert, an unserer Diskussion teilzunehmen. Was für ein arroganter Typ!“ In Wirklichkeit zählen Selbstüberschätzung und Angeberei für die Schweden zu den verachtenswertesten menschlichen Schwächen.

Die kontinentale Cafékultur wird in Schweden immer populärer. Foto: Nicho Södlimg/ www.imagebank.sweden.se
Die kontinentale Cafékultur wird in Schweden immer populärer. Foto: Nicho Södling/ www.imagebank.sweden.se

Die relative Wortkargheit der Schweden kann mit einer Unlust erklärt werden, die Person zu sein, der andere zuhören – eine Kombination aus Schüchternheit und Anspruchslosigkeit. Sich selbst herauszustreichen war in der alten Agrargesellschaft tabu. In Schweden gab es außerdem keine Cafékultur wie auf dem europäischen Kontinent. Auch wenn sich Schweden heute schnell in diese Richtung entwickelt, war die Fähigkeit, mit fremden Menschen ein Gespräch zu führen, bei den Schweden lange kaum verbreitet.

Åke Daun

Åke Daun war von 1981 bis 2001 Professor für Europäische Ethnologie am Nordischen Museum in Stockholm und an der Universität Stockholm. Er schreibt auch über kulturelle Themen und betätigt sich als Kolumnist. Sein Hauptinteresse gilt dem heutigen Schweden und der schwedischen Mentalität. Sein Buch „Svensk mentalitet“ (Schwedische Mentalität) wurde ins Englische, Rumänische und Persische übersetzt.

Für den Inhalt dieses Artikels ist allein der Autor verantwortlich.

Übersetzung: Margaretha Tidén

Klassifizierung: A109TYa


 

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