30. Apr. 2007
Ein neues Leben zu beginnen, verlangt Mut. Eine ehemalige Steinbruchanlage in der Peripherie Schwedens in ein erfolgreiches Hotel und Restaurant zu verwandeln, erfordert Phantasie. Johan und Anna-Karin Hellström bewiesen unlängst, dass sie beides haben.

Hotel „Fabriken Furillen“: Metamorphose einer alten Steinbruchanlage. Foto: Johan Hellström
Falls der erste flüchtige Eindruck von Gotlands Hotel „Fabriken Furillen“ Sie nicht kehrtmachen und wieder Kurs aufs Festland nehmen lässt, erwartet Sie eine ganz besondere Belohnung: Zwar wirkt der stillgelegte Kalksteinbruch aus der Entfernung wie ein unheimliches Denkmal für das Industriezeitalter. Aber das dort entstandene Hotel bietet eine so wunderbare natürliche und menschengemachte Kulisse, dass Sie vor Staunen den Mund nicht mehr zubekommen.
Zeit für Neues
Die Schönheit der Natur war das Erste, was den Berufsfotografen Johan Hellström an der rund 3 000 Quadratkilometer großen Insel vor der Südostküste Schwedens faszinierte. Besonders begeisterten ihn das ständig wechselnde Licht, die dramatischen Wolkenformationen, die Sandstrände und die endlosen Blumenwiesen.
Nachdem sie viele Sommer in ihrem zweiten Zuhause auf Gotland verbracht hatten, verkauften die Hellströms 1999 ihr Hab und Gut und zogen mit ihren beiden Töchtern von der westschwedischen Küstenstadt Göteborg in ihren neu erworbenen Kalksteinbruch auf der vier Quadratkilometer kleinen Insel Furillen an der Nordostküste Gotlands.

Johan Hellström verließ mit seiner Familie die Großstadt und begann auf Gotland ein neues Leben. Foto: Cari Simmons
„Ich war pro Jahr 260 Tage beruflich unterwegs und hatte keine Zeit für die Familie. Damit ich nicht mehr so viel reisen musste, beschlossen wir, nach Gotland zu ziehen und die Arbeit dorthin zu bringen“, erzählt Hellström. Der vierzigste Geburtstag war auch ein Wendepunkt. „Ich glaube, ein Neustart im Leben – sozusagen die Säuberung der eigenen Festplatte – kann durchaus positiv sein“, sagt er.
Schritt für Schritt
Zuerst wurde die heruntergekommene Kantine der Arbeiter renoviert. Als fünf Räume instand gesetzt waren, begannen die Hellströms, in den Wintermonaten arbeitende Fotografenteams zu verköstigen und zu beherbergen. Das lief so gut, dass das Paar die Unterkunft ausbaute.
Das Ergebnis ist ein Hotel mit achtzehn Zimmern und ein Restaurant – beide in industriegrauen Tönen gehalten und im minimalistischen Design des typisch skandinavischen Stils gestaltet. Mit prasselnden Kaminfeuern und frisch gebackenem Brot ist für Luxus und Schlichtheit gleichermaßen gesorgt.
Hellström schuf ein nüchternes und großzügiges Interieur, das Interaktion fördern soll. Foto: Johan Hellström
Hellström ist der Hauptdesigner – der „Stil-Polizist“, wie er selbstironisch sagt. Weil er nicht von der natürlichen Schönheit Gotlands ablenken wollte, die zu jeder Jahreszeit Aufsehen erregt, schuf Hellström ein zurückhaltendes Interieur. „Ganz gleich, wie stark das Design ist, die Natur ist immer stärker“, sagt er.
Hellström brachte keine Erfahrung aus dem Hotel- oder Gaststättengewerbe mit. Während der Zeit, in der er als Fotograf unterwegs war und eine Fülle von Eindrücken sammeln konnte, wurde ihm aber klar, was ihm als Gast zusagte bzw. nicht gefiel. „Ich bemerkte, dass zahlreiche Hotels für so viel Ablenkung sorgen, dass die Gäste unsichtbar werden“, erklärt Hellström. „Ich wollte Räume schaffen, die Interaktion begünstigen.“
Zusammentreffen von Vergangenheit und Zukunft
Die Hellströms erwarben ihr Grundstück vom Unternehmen Cementa AB. Bevor die Zementfirma auf Furillen tätig war, patrouillierte das schwedische Militär von der Insel aus in der Ostsee. Erst seit Anfang der 1990er Jahre ist es ausländischen Gästen überhaupt erlaubt, diesen abgelegenen Teil Gotlands zu besuchen.
Der letzte Abbau von Kalkstein erfolgte Anfang der 1970er Jahre. Ein älterer Besucher des Hotels „Fabriken Furillen“, der einst auf der Abbaustelle gearbeitet hatte, bedauerte, dass die Infrastruktur noch stand. „Ihm gefielen Hotel und Restaurant, er fand das Abbaugebiet jedoch hässlich und meinte, dass es beseitigt werden solle“, erläutert Hellström. „Aber für mich ist es ein Denkmal. Außerdem mahnt es uns, dass wir einfach nicht so viel zerstören können, wie wir dies noch vor fünfzig Jahren taten. Ich möchte das Negative ins Positive wenden.“
Die Einzigartigkeit von Furillen findet bei den meisten Besuchern großen Anklang, und der Ort wurde schnell im In- und Ausland bekannt. Das Hotel lockt viele ausländische Gäste an, vor allem Italiener und Franzosen, aber auch trendbewusste Stockholmer rennen den Hellströms im Sommer die Bude ein.

Kleine „Eremitenhütten“ bieten Ruhe und Frieden. Foto: Johan Hellström
Andere Atmosphäre
Zwar reist Hellström seit dem Umzug nach Gotland weniger. Aber seine Frau und er arbeiten mehr als je zuvor. Dennoch habe sich die Änderung des Lebensstiles auf die ganze Familie positiv ausgewirkt: „Kein Tag gleicht dem anderen. An einem Tag kann es hier menschenleer sein, am nächsten Tag wimmelt es von Besuchern.“
Hellström schätzt auch die informelle, spontanere Atmosphäre auf Gotland und erzählt, dass sich der Freundeskreis der Familie erweitert hat. Die Familie trifft Menschen mit unterschiedlichen Berufen und Hintergründen und macht neue Erfahrungen. „Hier draußen haben die Menschen mehr Zeit als in der Stadt, anzuhalten und zu plaudern und einander zu helfen“, so Hellström. „Ich kann mir nicht mehr vorstellen, woanders zu wohnen. Das ist Leben.“
Was meinen Sie zu diesem Artikel?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Einigermaßen beklommen begab sich die freie Autorin Cari Simmons mitten im Winter auf die Insel Furillen. Aber die Sonne setzte sich durch, und Gotland und seine Einwohner waren einfach bestechend. Sie kann ihren nächsten Besuch kaum erwarten.
Für den Inhalt dieses Artikels ist allein die Autorin verantwortlich.
Übersetzung: Stefanie Busam Golay
Klassifizierung: A188TY
© Foto 1, 3 und 5: Johan Hellström
© Foto 2: Cari Simmons
Fakten
Fabriken Furillen
- Hotel, Restaurant, Bäckerei, Sitzungsräumlichkeiten und „eremitkojor“ (Eremitenhütten)
- Ganzjährig geöffnet, außer im Januar
- furillen.nu
Gotland
- Gotland ist die größte schwedische Insel.
- Die mittelalterliche Inselstadt Visby ist UNESCO-Welterbe.
- Anreise nach Visby: Von Stockholm verkehren täglich Schnellfähren nach Visby. Die Überfahrt dauert ungefähr drei Stunden. Von Oslo, Helsinki, Hamburg, Stockholm, Göteborg und anderen schwedischen Städten aus gibt es Direktflüge nach Visby.
- www.gotland.info
- www.destinationgotland.se
Publikationen zum Thema
Copyright : © Dieser Text wurde vom Schwedischen Institut (SI) auf der Homepage
www.sweden.se veröffentlicht. Sämtliches Material auf dieser Seite unterliegt dem schwedischen Urheberrecht und darf ohne vorherige schriftliche Genehmigung des
webmaster@sweden.se nicht vervielfältigt, übertragen, gezeigt, veröffentlicht oder ausgestrahlt werden. Die Verwendung von Fotos und Illustrationen in anderen Zusammenhängen ist nicht gestattet.
Weitere Informationen zu Urheberrecht und Genehmigungen.