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So feiern die Schweden
- Traditionen und Festbräuche

von Po Tidholm

Das Angenehme an Traditionen und Bräuchen ist, dass sie sich ständig verändern. Wenn sie unbrauchbar geworden sind, geraten sie in Vergessenheit oder werden in neue Formen gegossen. So verhält es sich in ganz besonderer Weise auch mit den schwedischen Festbräuchen. Sie haben häufig alte Wurzeln, manche reichen bis ins heidnische Schweden zurück. Viele Traditionen sind von außen ins Land gebracht worden, von deutschen Kaufleuten oder von der protestantischen Kirche.

Realschulabsolventen feiern auf traditionelle Weise.
Realschulabsolventen feiern auf traditionelle Weise.
Foto: Jeppe Gustafsson/Scanpix

Die Jahreszeiten geben den Ton an

Viele Sitten und Gebräuche sind so alt, dass ihr Ursprung in Vergessenheit geraten ist. Aber man feiert sie trotzdem, weil man es seit jeher getan hat und sie lieben gelernt hat. Sie sind zu einem Teil des Lebenskreislaufs geworden, sie geben dem Leben eine Struktur, vermitteln den Menschen eine Auffassung vom Gang der Zeit und betonen den Rhythmus der Jahreszeiten.

Viele Bräuche in Schweden hängen mit dem Wechsel in der Natur im Verlauf des Jahres zusammen. Die Schweden feiern Mittsommer mit einer Intensität, die nur einem Volk möglich ist, das gerade wieder einmal einen langen Winter durchlebt hat. Zu Advent zünden sie Lichter an und verehren eine weißgewandete Lucia mit Licht im Haar.

Schwedisches Essen ist oft saisonbedingt und die Methoden der Würzung und der Zubereitung sind aus den Bedürfnissen zur Lagerung in einer primitiveren Bauerngesellschaft entstanden; wie eingelegter Hering, gepökeltes oder geräuchertes Fleisch oder Milchprodukte, die durch Säuerung, Kochen oder Lagerung haltbar gemacht werden.

Mehrere der schwedischen Festbräuche sind ans bäuerliche Jahr gebunden; an die Frühjahrsbestellung, die Jagd- und Fischsaison und die Erntezeit. Aber wie gesagt kann ihre ursprüngliche Bedeutung heutzutage verloren gegangen und durch eine neue ersetzt worden sein.

Viele schwedische Bräuche sind mit den wechselnden Jahreszeiten verbunden.
Viele schwedische Bräuche sind mit den wechselnden Jahreszeiten verbunden. Foto: Erik Leonsson/imagebank.sweden.se

Kopfüber in die moderne Zeit


Das hat nicht allein mit dem Lauf der Zeit und mit menschlichem Vergessen zu tun. Die Schweden haben auch ein gespaltenes Verhältnis zu sich selbst; ihr Selbstbild beinhaltet Stolz über die schwedische Geschichte und zur gleichen Zeit ein mangelndes Selbstvertrauen angesichts dessen, was als kontinental und international geläufig betrachtet wird.

Als die Gelegenheit sich bot, stürzten die Schweden sich kopfüber in die Modernität. Die geographische Randlage des Landes, seine bemerkenswerte Fähigkeit, sich aus Kriegen herauszuhalten, sowie reiche Waldbestände und Erzvorkommen machten Schweden im internationalen Maßstab zu einem sowohl reichen als auch besonderen Land.

Während andere Länder Konflikte und Klassengegensätze erlebten, herrschten in Schweden gesellschaftliches Einverständnis und Fortschrittsoptimismus. Der Glaube an die neue, an die generelle Wohlfahrtsgesellschaft – die in Schweden das Volksheim genannt wurde – und an das Wachstum war zeitweilig so stark, dass die Geschichte vergessen wurde.

Alte Traditionen und Bräuche wurden plötzlich als unbrauchbar angesehen, und die Jungen hörten nicht hin, wenn die Alten erzählten, und blickten sich nicht um. Die Zukunft zog verheißungsvoll am Horizont auf, und es galt, in der kürzest möglichen Zeit dorthin zu gelangen.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg expandierte die schwedische Gesellschaft im Rekordtempo. Vom hinteren  Rang einer agrarischen Randnation kletterte Schweden auf den ersten Platz der Wachstumsliste. Neue Ortschaften wurden gebaut, Straßen wurden verbreitert und das Straßennetz ausgeweitet. Die Betonblöcke schossen wie Pilze aus dem Boden.

Schweden gewann Wohlstand, verlor jedoch gleichzeitig den Kontakt mit seiner Geschichte.

Es hat lange gedauert, bevor die Schweden ein neues Gleichgewicht fanden.

Im heutigen Schweden leben das Alte und das Neue Seite an Seite, manchmal wie zwei parallele Geschichten, manchmal – aber seltener – als eine verflochtene Einheit. Man könnte sagen, dass dies auch für alles gilt, was von außen kommt: Menschen, Trends und Ausdrücke anderer Kulturen und Sphären.

Internationale Einflüsse

Mit der Einwanderung sind neue Gebräuche und Traditionen ins Land gekommen, die mit der Zeit dem, was wir für Schwedisch halten, einverleibt werden.

Auf die gleiche Art und Weise nehmen die neuen Schweden die alten Bräuche auf, und oft sind es die Kinder, die sie in der Familie einführen. Die Kindertagesstätten und die Schulen haben großen sozialen Einfluß. Es handelt sich – im besten Fall – um eine Kreuzbefruchtung von Kulturen.

Schon jetzt wissen die meisten Schweden, was der muslimische Fastenmonat Ramadan bedeutet.

Verschiedene neue Traditionen haben in den letzten Jahren in Schweden Fuß gefasst, gefördert vor allem durch die Medien und durch einen kommerziellen Druck. Der Valentinstag und Halloween – die beide in den USA regelmässig  gefeiert werden – finden inzwischen, mit gewissen Abwandlungen, auch in Schweden Beachtung.

In einigen Generationen wird die Herkunft dieser Bräuche vielleicht vergessen sein, denn so bald eine Bevölkerung etwas durch einen Brauch kanalisieren kann, wird die Frage, woher er gekommen ist, uninteressant.

Der schwedische Weihnachtsmann ist deutsch, aber viele Schweden glauben dennoch an ihn. Lucia war eine sizilianische Heilige, und die Martinsgans ist nach einem fränkischen Bischof benannt. Das tut dem Erlebnis keinen Abbruch.

Mittsommer wollen die Schweden im Freien sein, egal, wie das Wetter ist.
Mittsommer wollen die Schweden im Freien sein, egal, wie das Wetter ist. Foto: Carolina Romare/imagebank.sweden.se


Drinnen oder draußen?

Die meisten traditionellen Bräuche werden zu Hause in der Familie gefeiert. Die einzige wirkliche Ausnahme ist Mittsommer. Da will der Schwede, fast unabhängig vom Wetter, draußen im Freien sein, Menschen treffen und den Sommer begrüßen. Und Mittsommer ist letztlich auch ein Fest von heidnischem Zuschnitt.

Die lutherische Kirche war nicht besonders erbaut von kollektiven Festen und Prozessionen, und die dünne Besiedlung des Landes in Kombination mit dem kalten Klima bewirkte, dass das Feiern ins Haus verlegt und zu einer Angelegenheit der Familie wurde.

Doch die Zeiten ändern sich. Wer Schweden im Winter besucht, kann die Straßen des Landes als verlassen empfinden, doch wer in den Sommermonaten kommt, erhält ein anderes Bild. Im gesamten Land haben sich zahlreiche Festivals und Straßenfeste etabliert, wo Menschen sich treffen, um Musik zu hören, zu essen und zusammen zu sein.

Auf dem Land werden im Sommer eine Reihe von Spielmannstreffen veranstaltet, in deren Mittelpunkt die schwedische Volksmusik steht. Die Geige kam im 18. Jahrhundert nach Schweden und wurde schnell das Musikinstrument der Landbevölkerung.

Die einheimische Volksmusik, die meistens im Dreiertakt gehalten ist, wurde von einer einzelnen Geige zum Tanz gespielt. Diese Musikkultur ist noch immer lebendig, und die Treffen haben in der Regel großen Zuspruch.

Vergessen Sie nicht das Wort „tack“


Viele nehmen auch die Gelegenheit wahr, im Sommer zu heiraten, wenn das Wetter die Fahrt in der offenen Pferdekutsche zur Kirche oder eine einfache Trauungszeremonie auf einer felsigen Schäreninsel zulässt.

Die kirchliche Trauung ist immer noch die gewöhnlichste Form der Trauung, obwohl die Schwedische Kirche, die noch bis vor einigen Jahren Staatskirche war, an Mitgliederschwund und sinkenden Zahlen bei den Gottesdienstbesuchern leidet. Die allermeisten wollen auch eine Begräbniszeremonie in der Kirche.

Auch christliche Kindtaufen sind üblich – man wartet damit gern bis zum Sommer –, selbst wenn in heimischer Regie durchgeführte Namensgebungsfeste immer populärer zu werden scheinen.

Die Konfirmation ist gleichfalls ziemlich üblich, doch dann meistens in Form eines Sommerlagers, bei dem Bibelstudien mit geselligem Umgang und anderen Aktivitäten verbunden werden.

Die Alten murmeln vielleicht etwas von der Auflösung von Normen, wenn die Jungen ihre eigenen Wege gehen. Zu heiraten, sein Kind zu taufen oder sich konfirmieren zu lassen waren früher obligatorische Schritte auf dem Weg ins Erwachsenenleben und in die Gemeinschaft. Heute tun die meisten, was sie wollen.

Die Schweden sind wie die meisten Menschen; das Straßenbild wird immer kontinentaler und Sitten und Gebräuche immer internationaler. Wer bei einer schwedischen Familie zum Abendessen eingeladen ist, kann sich kaum noch blamieren. Wenn er nur daran denkt, danke zu sagen! Das tun Schweden die ganze Zeit:

„Kannst du mir mal das Salz reichen, danke?“
„Bitte!“ (Varsågod)
„Danke!“ (Tack)

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Po Tidholm lebt als freier Journalist in Hälsingland und schreibt als Kritiker für Dagens Nyheter. Seine Themen sind Kulturgeschichte, Kulturpolitik und gesellschaftliche Fragestellungen, häufig bildet Norrland den Ausgangspunkt seiner Arbeiten. Er hat auch als Nachrichten- und Kulturreporter für das Fernsehen gearbeitet und war mehrere Jahre als Nachtplauderer im Radio tätig. Po Tidholm verfasste den Haupttext darüber wie und was die Schweden feiern.

Agneta Lilja ist Dozentin für Volkskunde am Institut Språk och kultur an Södertörns Hochschule. Sie hat mit einer ideologiekritischen Abhandlung über Sammelstrategien an einem traditionssammelnden Archiv promoviert (Föreställningen om den ideala uppteckningen). Ihre Forschung umfasst auch Studien über Lieder und Festbräuche und sie hat u.a. ein Buch über Valentinstag und Halloween geschrieben. Ihre gegenwärtige Forschung ist genderorientiert. Sie schreibt auch Rezensionen und tritt in den Medien in Erscheinung. Agneta Lilja verfasste die Textteile über die Geschichte schwedischer Traditionen und Feste.

Für die in dieser Internetfassung vertretenen Ansichten sind allein die Autoren verantwortlich.

Übersetzung: Wolfgang Butt

Copyright: 2004 Agneta Lilja, Po Tidholm und Schwedisches Institut. Dieser Text wird vom Schwedischen Institut auf www.sweden.se veröffentlicht.


 

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